Transkulturelles Design

Tagungsort: Bauhaus-Universität, Weimar

Vierte Jahrestagung der Gesellschaft für Designgeschichte e.V. in Weimar am 6. und 7. Mai 2011

Mit Beiträgen von Angeli Sachs, Renate Flagmeier, Fabian Ludovico, Karianne Fogelberg, Regula Iselin, Shuai Yang, Wolfgang Welsch, Nicole Schadewitz, Roman Wilhelm, Christian Ritter, Minami Eguchi, Thomas Pöpper, Dieter Hassenpflug, Klemens Rossnagel.

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Nachbericht

Transkulturalität, der zentrale Begriff der vierten Jahrestagung der Gesellschaft für Designgeschichte (GfDg), wurde 1992 von dem Philosophen Wolfgang Welsch geprägt („Transkulturalität - Lebensformen nach der Auflösung der Kulturen“ in: Information Philosophie, 1992, Nr. 2, S. 5-20) und spielt seitdem in den Globalisierungs- und Migrationsdebatten eine zentrale Rolle. Wie Petra Eisele von der GfDg, Professorin an der FH Mainz, eingangs deutlich machte, konzentrierte sich die Tagung der GfDg am 6. und 7. Mai 2011 an der Bauhaus-Universität Weimar auf Fragen nach den ästhetischen Auswirkungen von Transkulturalität und konkreten Formen des Kulturtransfers im Design – auf ein verändertes Verständnis von Design, das sich, bedingt durch externe Vernetzungen und die zunehmende Auflösung von Eigen- und Fremddifferenzen, durch Überlagerungen, Mischungen und Hybridität auszeichnet. Zur Einführung in das Thema hatte die Gesellschaft Wolfgang Welsch vom philosophischen Institut der benachbarten Jenenser Universität eingeladen; das Programm der Tagung bot darüber hinaus Vorträge von Design- und Kulturwissenschaftlern sowie natürlich von Designern, die sich mit Globalisierungsfragen der Gestaltung in transkultureller Perspektive beschäftigen.

Zweifellos können ältere Konzepte von Kultur heute nicht mehr unseren Vorstellungen einer globalen Gesellschaft entsprechen. Wolfgang Welsch machte dies insbesondere an dem Kulturbegriff von Johann Gottfried Herder (1744-1803) fest, der in Weimar neben Wieland, Goethe und Schiller die Weimarer Klassik prägte. Herders Vorstellung von monolithischen, klar abgrenzbaren nationalen Kulturen, die sich wie einzelne Kugeln oder autonome Inseln voneinander abgrenzen, sind heute obsolet. Welsch hält aber auch neuere Konzepte von Interkulturalität und Multikulturalität für ungeeignet, die heutige Wirklichkeit zu beschreiben, da sie ebenfalls eine Inselvorstellung von nationalen Kulturen implizieren, nur dass sie nun innerhalb staatlicher Gemeinschaften nebeneinander stehen. Toleranz und Akzeptanz könnten jedoch keine wirkliche Verständigung zwischen den Kulturen erreichen.

Demgegenüber proklamiert Welsch mit dem Konzept der Transkulturalität die Vorstellung einer hybriden Gesellschaft pluraler Identitäten mit jeweils grenzüberschreitenden Konturen. Wenn die sozusagen gefühlte „eigene“ Kultur hybrid zusammengesetzt ist und dies ebenfalls für die „anderen“ Kulturen gilt, dann gibt es auf dieser Ebene grundsätzlich nichts Eigenes und auch nichts Fremdes mehr, sondern nur noch unterschiedlich und verschieden gebildete Hybridkulturen: Transkulturalität.

Daran schloss Welsch in seinem Weimarer Vortrag zwei Überlegungen an. Einmal erinnerte er an die hybride Postmoderne der 1980er Jahre – schließlich war Welsch mit seinen Publikationen zur „postmodernen Moderne“ einer der wichtigsten Philosophen der Postmoderne in Deutschland. Allerdings konnten die schon etwas angestaubten Beispiele kaum als Modelle heutiger Gestaltung in Architektur und Design taugen. Zum anderen vertrat Welsch die überraschend anti-postmoderne Auffassung, dass in einer hybriden, transkulturellen Gesellschaft, die keine nationalen Kulturgrenzen mehr kennt, zwangsläufig die Grenzen der transkulturellen Identität an kulturübergreifenden Universalien markiert werden. Transkulturalität bestimmt sich somit entlang der gängigen Grenzen von Menschenrechten, Demokratie, Gleichberechtigung, Toleranz und Pluralität. In welchem Maße daran eine universalistische Ästhetik anknüpfen kann, wurde mit dem Verweis auf sinnliche Wahrnehmungen oder dem „Kindchenschema“, das von der Werbung bekanntlich recht schamlos ausgenutzt wird, nur angesprochen und blieb auch in der anschließenden Diskussion kontrovers.

Die spezielle Ausrichtung auf transkulturelle Phänomene in Kultur und Design kam in den Vorträgen der eingeladenen Kultur- und Designwissenschaftler zur Sprache: Angeli Sachs von der Zürcher Hochschule der Künste sowie vom Museum für Gestaltung Zürich sprach über „Global Design und Kulturtransfer“. Seit den 1970er Jahren findet eine zunehmende Intensivierung des Kulturtransfers statt, in dem der Globalisierungsprozess nicht nur in Richtung der jeweiligen Expansion wirkt, sondern auch auf die Initiatoren zurück.

Eine sehr anschauliche Brücke zwischen der relativ etablierten soziologischen Migrationsdebatte und den in diesem Zusammenhang noch unbestimmten Gestaltungsfragen stellten Renate Flagmeier und Fabian Ludovico vom Werkbundarchiv Berlin in ihrem Projekt „Das Museum der fremden Dinge“ her. Seit 2007 befindet sich das Museum in Berlin-Kreuzberg in einer stark migrantisch geprägten Umgebung. In dieser Nachbarschaft entstand das Ausstellungsprojekt zu „Migrationsgeschichten in Berliner Sammlungen“, das Anfang 2011 im Kreuzberg-Museum realisiert wurde. An dem Moscheenwecker (Uhrenwecker in der architektonischen Form einer Moschee und dem Ruf des Muezzin als Weckruf, daher auch: Muezzin-Wecker) wurden Fragen der Migration beispielhaft an Gebrauchsgegenständen erkennbar. Sind Produktion und/oder Gebrauch mono- und/oder transkulturell? Wie verändern sich Wahrnehmung und Bedeutung außerhalb des ursprünglichen Kontextes? Die keinesfalls ironische gemeinte Vermischung von Religion und Funktion am Moscheenwecker fand bereits ihren Weg in migrationsaffine Fernsehspielfilme von „Tatort“ und „Lindenstraße“ – gleichsam als materielles Migrationssymbol.

Minami Eguchi von der Universität von Tsukuba in Japan und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe „Modernism and Fashion in Japan“ beschrieb den kulturellen Wandel einer Bauhäuslerin aus Japan, die von 1930 bis 1932 in Dessau studierte. Als Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers in Japan geboren, verwandelte sich die junge Frau am Bauhaus zum Moga (Modern Girl), das nach Japan zurückgekehrt mit kurzen Haaren und modischen Hosen die neuesten Modetrends und das Ideal der Neuen Frau in den Osten transferierte.

Shuai Yang, in Shanghai und Schwäbisch-Gmünd ausgebildeter Designer, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf kulturell unterschiedliche Einschätzungen bei der Wahrnehmung und Benutzung von Mobilgeräten. Als Ergebnis seiner Untersuchung stellte er fest, dass in Deutschland übersichtlich angeordnete Funktionen besonders wichtig für das Interface sind (Tasten, Display, Struktur), in China dagegen die Vorstellung von Kontrollierbarkeit im Vordergrund steht. Vereinfacht gesagt führen die unterschiedlichen Einschätzungen zur Bevorzugung weniger Tasten in Deutschland, während in China viele Tasten Kontrollierbarkeit suggerieren sollen.

Mit seinen Untersuchungen zur Entwicklung der chinesischen Stadt und insbesondere zur Adaption europäischer Stadtmodelle (Anting u. a.) hat Dieter Hassenpflug, Professor für Stadtsoziologie der Bauhaus-Universität Weimar, im vergangenen Jahr eine veritable Studie zur transkulturellen Durchdringung von soziologischen und ästhetischen Phänomenen vorgelegt. Die im Bauwelt-Verlag erschienene Publikation „Der urbane Code Chinas“ (2010) ist mit den darin vorgestellten „Strategien der Fiktionalisierung“ eine Pflichtlektüre für transkulturelle Beobachter. An den aus Europa nach China transponierten Stadtmodellen unterscheidet Hassenpflug verschiedene Strategien, die er zwischen „Travestie“ und „Parodie“ ansiedelt. Die unschwer einleuchtenden Ergebnisse sind dem glasklaren strukturalistischen Ansatz Hassenpflugs geschuldet. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Abgrenzungen wie „europäisch“ oder „chinesisch“ in einer zunehmend vernetzten globalen Produktion nicht mehr möglich sein werden.

Dies wurde an dem Vortrag von Klemens Rossnagel (Design Research Audi) deutlich, der sich auf kulturelle Unterschiede erst gar nicht einließ, sondern Audi als universalistische Marke im Weltmarkt vorstellte. Immerhin wird Audi in diesem Jahr in China mehr Autos verkaufen als in Deutschland. Auch die anderen Vorträge bestätigten das insgesamt sehr vielfältige Spektrum von Annäherung, Durchdringung und Zusammenspiel globaler und lokaler Faktoren, wie es bei diesem Thema nicht anders zu erwarten ist (siehe Programm).

Zum Abschluss der Diskussion betonte Siegfried Gronert, Professor an der Bauhaus-Universität Weimar und Vorsitzender der GfDg, dass die Reflexion transkultureller Fragen heute fundamental das Verständnis von Design betrifft. Design sei in seiner historischen Verbindung mit dem Deutschen Werkbund, dem Bauhaus und der Internationalen Moderne mit dem Ziel der „Veredlung“ des Alltags im internationalen Maßstab entstanden. Im Zusammenhang mit global agierenden Firmen, Marken und Produktionen findet mittlerweile auch das Konzept „Design“ eine globale Verbreitung. Die Reflexion transkultureller Designphänomene kann dabei helfen, einer eurozentristischen und monokulturellen Gestaltungsideologie entgegen zu wirken. Dabei wird man sich auf lokale Unterschiede ebenso wie auf globale Universalien einstellen müssen.