Symposium

Abstracts

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Ruedi Baur: Civic Type

Auf der Suche nach Alternativen zum Branding des politischen Raumes.

Johannes Bergerhausen: Minority Scripts, SMS und Macht. Von Hölzchen und Stöckchen

1896 entwarf der 25-jährige König Njoya in Kamerun das Schriftsystem Bamum. Da es nur 215.000 Menschen lesen und schreiben können, lief es lange Gefahr, von der Übermacht der lateinischen Buchstaben verdrängt zu werden. Neuerdings tauchen diese sehr sprechenden afrikanischen Zeichen auf dem Computer auf und werden jetzt auch wieder in Kameruner Schulen gelehrt: Die Globalisierung ermöglicht die Renaissance eines »Minderheiten-Schriftsystems«.

Der Vortrag schlägt einen weiten Bogen von machtvollen heiligen Zeichen und den ersten Gesetzestexten in Keilschrift über Atatürks und Maos Schriftreformen bis hin zu japanischen Emojis auf den heutigen Mobiltelefonen. Er stellt eine Auswahl bildgewaltiger »Minority-Scripts« wie Cherokee oder Tifinagh vor und schließt mit der These, dass das Mobiltelefon die Welt noch mehr verändern könnte als der Personal Computer.

Esther Cleven: Beeke provoziert

Anthon Beeke veröffentlichte 1970 das Meisjesalfabet (Mädchen-Alphabet). Es handelte sich um ein fotografisches Alphabet, in dem sich biegsame nackte Mädchen in die Formen von Buchstaben falteten. Es war als Antwort auf Wim Crouwels New Alphabet von 1967 entstanden, dessen Lettern sich konsequent von der Computer-technologie ableiteten. Inspiriert von Popkultur, Provo und Theater und in Opposition zu Crouwel suchte Beeke der Macht der Medien die Kraft des Subjektiven ent-gegenzustellen. Der Vortrag führt Beekes Position als Beispiel subversiver Gesten in der Typografie vor, deren Bedingung die Entwicklung eines Medienbewusstseins innerhalb der Gesellschaft ist und die zwischen Affirmation der Medienkultur und medienkritischer Aktivierung der Betrachterinstanz changieren.

Johannes Henseler: Schrift und Identität

Gibt es eine »französische« Schrift? Oder sind gewisse Schriften in England häufiger zu finden als in Osteuropa? Gibt es überhaupt eine Verbindung zwischen Schrift und nationaler Identität? Für das Buch »Schrift und Identität«, das im Sommer erscheinen wird, haben Studenten unter der Leitung von Andreas Uebele Verkehrsschilder im öffentlichen Raum untersucht - bezogen auf Typografie sowie ihre Farben- und Formensprache. Die oftmals sehr komplexen Recherchen verdeutlichen nicht nur die historische Genese von Verkehrsschildern, sondern auch, wie stark diese über politische Grenzen hinweg miteinander verknüpft sind.

Elisabeth Lilla Hinrichs: Die SS-Rune als konstruiertes Herrschaftszeichen

Der Vortrag analysiert und hinterfragt - aus visuellen sowie sprachlich semiotischen Blickwinkeln heraus - Macht, Bedeutung und Wirksamkeit der SS-Rune als ein konstruiertes Zeichen. Zunächst wird die ideologisch überformte Geschichte des Runen-Alphabets dargestellt, um dann die Konstruktion des SS-Zeichens als Herrschafts- und Machtsymbol näher zu analysieren: Sie basiert sowohl auf der visuellen Gestaltung durch den Entwurfszeichner Walter Heck, als auch auf der Ideologisierung und ›sinnhaften‹ Aufladung des Zeichens durch die SS-Organisation. Anhand der SS-Rune werden die Bedeutung und Funktionsweisen von Herrschafts-symbolen im Allgemeinen herausgearbeitet. Zudem werden Prozesse der Rationalisierung und Abbreviation von Schrift im Nationalsozialismus beschrieben, die den Verwaltungsmassenmord an über 6 Millionen Menschen nicht nur mit ermöglichten, sondern zugleich auch kodierten.

Akira Kobayashi: Making good fonts better

Seit zehn Jahren modernisiert Akira Kobayashi als Type-Director viele der populärsten Linotype-Schriften und hat aus guten Schriften noch bessere gemacht. Doch aus welchen Gründen überarbeitet man einen Schriftklassiker? Der Vortrag berichtet über die Zusammenarbeit mit Hermann Zapf und Adrian Frutiger und dokumentiert den Einfluss von neuen Druck- und Industriestandards auf die Schrift.

Andreas Koop: Die Macht der Schrift

Der Vortrag ist, wie das gleichnamige Buch, in zwei Teile gegliedert: Den Einstieg bilden Portraits verschiedener Herrscher und ihr Umgang mit dem Thema Schrift – von Karl dem Großen über Ludwig XIV. und Napoleon bis hin zu Atatürk und Mussolini. Selbstverständlich wird auch der Nationalsozialismus näher betrachtet. Die Untersuchung dieser verschiedenen Herrscher-Schrift-Beziehungen bildet die Grundlage für eine übergreifende Betrachtung, die den Blick von der Vergangenheit in die Gegenwart führt – wie präsentieren sich heute die europäischen Demokratien? Ebenso wird versucht, eine Art »Gegenstück« zu politischer Macht zu finden und gegenüber zu stellen. Der zweite Teil des Vortrags widmet sich speziellen, detaillierten »komparativen Betrachtungen«, in denen verschiedene Druckwerke analysiert werden. Hier werden tiefergehende Untersuchungen zum Verhältnis von Schrift und Rhetorik, von Typografie und Zeremoniell vorgestellt und analysiert.

Stefan Meier: Typografie des Hasses

Der Vortrag fragt kritisch nach der identitätsstiftenden Funktion von Schriftgestaltung am Beispiel rechtsextremer Online-Kommunikation. Dabei geht er den Fragen nach, inwiefern Typografie politisches Ausdrucksmittel ist und dies speziell im rechts-extremen Bereich mit Elementen des kulturellen Gedächtnisses geschieht. Dafür wird eine methodisch-methodologische Kopplung der Konzepte Identität, visuelle Kultur und Typografie über den Begriff des visuellen Stils vollzogen, die einen kultur-soziologischen und einen sozial-semiotischen Stilbegriff auf konzeptueller Ebene integriert. Auf methodischer Ebene wird ein qualitatives Verfahren einer vergleichend vorgehenden Stilanalyse (schrift-) bildlicher Darstellungen vorgestellt, das zur Herausarbeitung politischer Identitätskonstruktion als typografische Praxis geeignet ist.

Albert-Jan Pool: DIN 1451 – die Hausschrift Deutschlands?

DIN 1451 ist die deutsche Norm für Schriften. Sie wurde entwickelt, um ein einheitliches Aussehen von Schriften für Schildermaler, Beschriftungslinealen, Graviermaschinen, Malschablonen, Schlagbuchstaben und das Beschriften von technischen Zeichnungen zu ermöglichen. Techniker und Ingenieure konstruierten hierzu eine Serie von Groteskschriften auf ein grobes Raster. Nachdem dieses Verfahren nicht zuletzt durch das Bauhaus salonfähig gemacht worden war, wurde 1931 die DIN 1451 herausgegeben - zu einem Zeitpunkt, als die Fraktur bereits "aufmarschierte". Bis heute prägen die etwas ungelenken DIN-Schriften den öffentlichen Raum und werden daher als typisch Deutsch wahrgenommen. Für Designer stellt sich heute die Frage, ob sie so viel Made in Germany verkörpern, dass damit deutsche Identität gestaltet werden kann.

Dan Reynolds: Die Marx-Engels Gesamtausgabe von Albert Kapr

Ab 1968 setzte sich Albert Kapr (1918–1995), einer der prominentesten Typografen der DDR, für die Herstellung einer Marx–Engels Gesamtausgabe ein. Die ersten Bände der MEGA sind in den 70er Jahren erschienen; neue Bände kommen immer noch heraus. Die ursprüngliche Typografie stammte von Kapr in Zusammenarbeit mit Horst Kinkel. In diesem Vortrag werden sie analysiert und mit Änderungen ver-glichen, die nach 1990 vorgenommen wurden. Die Gestaltung der MEGA wird in Zusammenhang mit Kaprs anderen Büchern aus dieser Zeit betrachtet. Durch eine Untersuchung der typografischen Gestaltung lassen sich sowohl die Potentiale als auch die Probleme aufzeigen, die sich aus Kaprs Gestaltung von Modell-Büchern ergeben. Ebenso lenkt sie den Blick auf die Übergänge von Blei- auf Fotosatz und Fotosatz auf DTP.

Martin Scholz: Typografische Anschläge. Die Schreibmaschine als Tatmaschine

Wie ist es, wenn Typografie leise und kaum merkbar zur Macht, zum Machterhalt und zur Staatsräson beiträgt? Wenn sich neben das Expressive, Propagandistische und symbolisch Gesetzte das Stille, Unbemerkte und fast schon Introvertierte im Durch-schuss einnistet? Dann erscheint die typografische Situation – verstanden „als ein außersemiotischer Kontext […], der aber die Wahl eines bestimmten Codes anstelle eines anderen bestimmt.“ (Umberto Eco) - so neutral, dass der beschriebenen Sache so sehr geglaubt wird, dass der Teufel in der Spationierung gar nicht auffällt.

Typografie und Macht bedeutet auch und vor allem über die Schreibmaschine zu sprechen, jenem monotonen Taktgeber des Alltags, in dessen Schutz die faden Bürokraten Befehle, Anordnungen und Weisungen erlassen. Die Schreibmaschine ist eine Tätermaschine, nicht nur für Schriftsteller, sondern auch für Massenmörder.

Pierre Smolarski: Crossing Codes

Die Stadt kommuniziert durch eine Myriade von Codes und erscheint dabei oft als ein Medium ohne Rückkanal, als der prototypische Ort unzähliger Orientierungs-probleme. Innerhalb dieser urbanen Kakophonie sollen zwei Phänomene in den Blick genommen werden: zum einen die strukturellen Möglichkeiten von Werbeplakaten Bedeutung zu generieren, zum anderen die Möglichkeiten von Graffiti eben diese Bedeutungsgenerierung zu verändern, Codes umzucodieren, Botschaften zu zerstören und neue zu konstruieren – Crossing Codes.

Die These des Vortrags ist, dass sich die strukturellen Möglichkeiten des Graffiti, die Identifikationspotentiale der Werbebotschaften neu zu codieren, kategorisieren lassen, und dass diese Kategorien zugleich fruchtbar gemacht werden können, um auszuloten, worin ein Beitrag der Rhetorik bei der Beantwortung der Frage liegen kann, was ein Orientierungsproblem ist.

Regula Stämpfli: Wie politisch ist die Schrift?

Wie starrt uns die Welt entgegen? Als Schrift? Als politische Schrift? Als Zeichen? Mit Menschen? Als Zahlen? In Sans-Sérif oder Helveticat? Wie politisch sind die Leerstellen – LehrStellen? Kaligraphie oder Dysgraphie?

Schrift-Zeichen setzt die politische Philosophin in einem Tour d’Horizon mit Hannah Arendt in der Tasche und der Frage: Was befähigt den Menschen zur Schrift-Mündigkeit?

Andreas Uebele: Visuelle Identität Deutscher Bundestag

Der Deutsche Bundestag hatte bis jetzt kein übergreifend einheitliches Erscheinungsbild. In dem Wettbewerb für das neue Corporate Design stellte sich die Frage, ob der Deutsche Bundestag ein neues Zeichen braucht. Die Antwort ist einfach: nein, denn er hat bereits ein Zeichen. Das Zeichen des Deutschen Bundestages muss also nicht mehr entwickelt werden, denn es existiert bereits: Es ist der Adler des Deutschen Bundestages. Die dreidimensionale Form, die der Kölner Künstler Ludwig Gies 1953 für den Deutschen Bundestag entworfen hat, hält durch formale Abstraktion auf sympathische Weise die Balance zwischen hoheitlicher Distanz und einer vermittelnden naturalistischen Darstellung. Jedes Mitglied des Bundestages und alle Beschäftigten der Verwaltung werden mit Stolz dieses Zeichen auf ihren Briefbögen verwenden wollen. Es spricht also viel dafür, diese ikonografisch eindeutige Marke zu behalten. Da diese Figur für eine räumliche Anwendung entworfen wurde, zeigen sich Schwächen, wenn man sie zweidimensional verwendet. Das Wappentier wurde deshalb einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen, die jedoch auf den Gies’schen Adler verweist.