CFP: Künstlichkeit versus Natürlichkeit? Technik und Design neuer Materialien in Geschichte und Gegenwart

Künstlichkeit versus Natürlichkeit? Technik und Design neuer Materialien in Geschichte und Gegenwart

Call for Papers für die gemeinsame Tagung der GfDg mit der Gesellschaft für Technikgeschichte (GTG) vom 29. April bis zum 1. Mai 2016 im NRW-Forum Düsseldorf.

Der Philosoph Roland Barthes zeigte sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts von Kunststoff als einem allgegenwärtigen Werkstoff tief beeindruckt. Barthes bemühte gar den Vergleich zur Alchemie und die Idee der unendlichen Transformation von Materie. Plastik sei weniger „Objekt“ als vielmehr eine „Spur von Bewegung“. Gleichzeitig sei dieser besondere Werkstoff befangen in seiner Funktion der Imitation, indem er andere – zumeist „natürliche“ – Materialien zu geringeren Kosten nachahme. Anders als die traditionellen Werkstoffe repräsentiere er nicht, sondern gehe ganz in der Welt des Gebrauchs auf. Der Kunststoff, als Inbegriff des Künstlichen, ziele auf das Gewöhnliche, nicht auf das Seltene.

Die von Roland Barthes aufgemachte Wertung von künstlich gleich Imitat oder Ersatz sowie nützlich und gewöhnlich ist letztendlich selbst zu historisieren. Die Technikwissenschaften kennen heute weit über 100.000 verschiedene Werkstoffe. Neben Kunststoff bzw. Polyadditions- und Polymerisation-Stoffen gibt es eine Vielzahl von Werkstoffen, bei denen „natürliche“ Materialen unterschiedlichen Graden der Bearbeitung unterworfen wurden wie etwa Glas, Stahl oder Leder, die im Laufe der zivilisatorischen Entwicklung den menschlichen Gestaltungsspielraum erweiterten. Die Eigenschaften von neuen Werkstoffen sind daher ebenso Ausdruck von Innovation wie von Imitation. Sie eröffneten bei der Herstellung von Produkten neue funktionale und gestalterische Möglichkeiten. Angesichts dieser Vielfalt von Werkstoffen und den unterschiedlichen Verarbeitungsformen sind Zuschreibungen von künstlich versus natürlich letztlich historisch wandelbar und Ausdruck sozio-kultureller Aushandlungsprozesse.

Entwicklung, Auswahl und Einsatz Neuer Werkstoffe (oder auch die gezielte Rückkehr zu altbewährten, „natürlichen“ Materialien) als Innovations- und Gestaltungsfaktoren stellen für die Technik- wie für die Designgeschichte einen zentralen Gegenstandbereich dar. Auf der gemeinsamen Tagung der Gesellschaft für Technikgeschichte und der Gesellschaft für Designgeschichte soll der Zusammenhang von Technik und Design im Zentrum stehen. Diesem Zusammenhang soll dabei auf unterschiedlichen Ebenen nachgegangen werden.

Erstens ist zu fragen, welche Auswirkungen die Entwicklung und Auswahl von Werkstoffen auf den Gebrauchswert und „Charakter“ von Produkten und auch auf die Arbeit der Konstrukteure und Formgeber hatten. Wie und unter welchen Voraussetzungen gelangten die bestmöglichen Materialeigenschaften in verschiedenen historischen Epochen in die jeweils „richtigen“ Produkte? Oder umgekehrt: Wie mussten Produkte beschaffen sein, um bestimmte Werkstoffe nutzen zu können? Werkstoffe materialisieren Gestaltungsideen und transformieren diese erst in greifbare Produkte. Neben den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen der konstruktiven und gestalterischen Formgebung von Produkten interessiert schließlich auch, mit welchen Methoden Handwerker, Ingenieure und Designer dabei brauchbare Lösungsansätze entwickelten (z.B. Kreativitätsmethoden), und von welchen Vorstellungen und Wertemustern sie sich dabei leiten ließen.

Zweitens soll es bei der Tagung um Fragen zu Materialästhetik und Zeitdiagnostik gehen. In der Designgeschichte scheint das alte, ethisch aufgeladene Thema der „Material-gerechtigkeit“ von einer allgemeinen Gestaltungsdebatte über Funktionen und Formen abgelöst worden zu sein. Kaum jemand redet mehr von einem „Materialstil“ (Günter Bandmann) oder vom Material als „Erzieher“. Hatte sich die Gestaltung künstlicher Materialien anfangs an organischen Oberflächen und Formstrukturen orientiert, erlaubten die Kunststoffe neue Formen und Farben. Die sogenannten organischen Formen der Kunststoffe in den 1930/50er Jahren reduzierten jedoch die anorganischen Stoffe auf ein bestimmtes Erscheinungsbild, das ästhetisch zugleich als Styling kritisch wahrgenommen wurde. „Künstliche Versuchung“ hieß 1999 eine Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn über Nylon, Perlon und Dederon in den 1950er Jahren, Stephen Fenichell verortete Plastik sogar in ein „synthetisches Jahrhundert“ (1996). Wenn anorganische Materialien gestalterische Möglichkeiten eröffnen, die sich bekannten Vorstellungen entziehen, dann zeigen Nähe und Entfernung zu tradierten Gestaltungen besondere materialästhetische Qualitäten und eine symbolische Zeitdiagnostik.

Drittens soll schließlich gefragt werden, welchen Einfluss der gestalterische Einsatz von Materialen auf die kulturelle, alltägliche Aneignung von Objekten hat. Neue Materialien sind immer wieder Ausgangspunkt für die Erforschung neuer Gegenstände und Gestaltungsmöglichkeiten. Vom Stahlrohr zum Stahlrohrmöbel, von Sperrholz und Kunststoff zum „organic design“ und von den digitalen Technologien zu unzähligen Anwendungen im Alltag: Computer, Smartphone, E-Book, wearable electronics ... In dieser Transformation von Dingen zu Objekten – zum funktionalen „Zeug“ (Heidegger) – liegt eines der größten Potentiale des Designs. Mit den neuen Objekten verändert sich zugleich der kulturelle Kontext und die alltäglichen Gewohnheiten – wie bei dem durch Handy und Smartphone veränderten Kommunikationsverhalten deutlich geworden ist. In den einzureichenden Beiträgen soll die Gestaltung der neuen Materialien und Objekte im kulturellen Kontext gesehen werden.

Viertens möchte die Tagung der Frage nachgehen, welche Rationalitäten in politischer, ökonomischer oder ökologischer Hinsicht mit Entwicklung und Verwendung bestimmter Werkstoffe verbunden waren. Damit einher geht schließlich das Interesse für die sozio-kulturellen Bedeutungsebenen der Werkstoffe und der daraus entstehenden Produkte, die in historischer Perspektive untersucht werden sollen. Mode, Zeitgeist, soziale Distinktion, konstruierte ökonomische Knappheiten und politische Entscheidungen bestimmten über individuelle und gesellschaftliche Wertzuschreibungen von Material und Formgebung. Welche Maßstäbe wurden dabei in verschiedenen historischen Epochen angewandt? Wie bestimmten Kostenkalkulationen und verfahrenstechnische Aspekte die Auswahl von Werkstoffen? Wie entwickelten sich Produktgruppen und Produktsparten (Investitionsgüter, Luxusgüter, Gebrauchsgüter) mit dem Einsatz unterschiedlicher Materialien und im Hinblick auf das Wechselspiel von Material und Form? Man denke an Holz, Lehm, Stein und Beton im Bauwesen, Bugholz- und Stahlrohrmöbel in der Möbel-industrie, Kunststoffgehäuse von Elektrogeräten bis hin zu Autos, aber auch an aktuell wieder diskutierte Strategien industrieller Absatzförderung durch geplante Obsoleszenz. Welchen Einfluss hatten etwa ökologische Erwägungen auf Werkstoffwahl und Form-gebung? Angesichts der Gleichzeitigkeit des Zieles, durch Ersatzstoffe Ressourcen zu schonen, und dem Ideal der Naturbelassenheit von Materialien verspricht die Untersuchung des Spannungsverhältnisses der Zuschreibungen künstlich versus natürlich, besonders ertragreich zu sein.

Diese Veranstaltung wird gemeinsam von der Gesellschaft für Designgeschichte (GfDg) und der Gesellschaft für Technikgeschichte (GTG) organisiert; es handelt sich gleichzeitig um die Jahrestagungen der beiden Gesellschaften. Die Tagung wird vom 29. April bis zum 1. Mai 2016 im NRW-Forum Düsseldorf stattfinden. In deren Rahmen wird auch das thematisch offene 4. Technikhistorische Forum für Promovierende und Habilitierende stattfinden, welches in einem gesonderten Call for Papers um Beiträge bittet. Das zentrale Anliegen der GTG ist es, die historisch-kritische Auseinandersetzung mit der Technik zu fördern und damit zugleich die gesellschaftliche Relevanz der Technik-geschichte zu unterstreichen. Die GfDg verfolgt den Zweck, die Geschichte des Designs als geisteswissenschaftliches Fach an Universitäten und Hochschulen zu stärken, in Zusammenarbeit mit Museen an der Darstellung designgeschichtlicher Zusammenhänge mitzuwirken, als eigene Disziplin zu fördern, zu konzentrieren und zu vernetzen und die öffentliche Auseinandersetzung mit Designgeschichte in den Medien zu steigern. Gesucht werden daher sowohl Vortragsvorschläge aus der Forschung als auch aus dem musealen Bereich.

Angebote für Vorträge (20 Minuten) in Form eines Abstracts von 350-400 Wörtern sowie einem Kurzlebenslauf werden bis zum 31. Januar 2016 erbeten an: GTG <desiree.schauz@mytum.de> und GfDg <info@gfdg.org>.