Design mit Zukunft
Anmerkungen von Bernhard Bürdek zu Gert Selles Brief "Design mit Geschichte"

Bernhard E. Bürdek
Design mit Zukunft

Lieber Gert Selle,

nun gab es ja bisher noch keine Gelegenheit, Ihre Thesen zur Geschichte [eingestellt auf gfdg.org am 21. Janaur 2015] zu diskutieren, deshalb vorab ein paar Anmerkungen. Ich teile durchaus Ihre Auffassung, dass die 3-D-Druckerei einen veritablen Hype ausgelöst hat: in der Industrie durchaus ernsthaft, denn die Herstellung einzelner Produkte macht in vielen Fällen Sinn, beispielsweise für Modelle, Prototypen, Ersatzteile usw. Designer indes unterliegen gerne der Illusion, damit die Welt verändern zu können. Jenseits der Spielzeug 3-Drucker – die die Maker so gerne favorisieren – gibt es durchaus ernsthafte Alternativen: Dirk van der Kooij beispielsweise „druckt“ Möbelstücke mit hohem Gebrauchswert und innovativer Ästhetik. Anouk Wipprechts Spider Dress 2.0 – ein Projekt im Übergang von der Mode zum Design – wäre ohne 3-D-Druck überhaupt nicht möglich; Annika Frye  erweitert mit ihrer „Improvisationsmaschine“ das gestalterische Repertoire für die Entwerfer, der Prozess wird bedeutsamer als die Produkte selbst, die traditionelle Design-methodologie erfährt dadurch eine intelligente Weiterentwicklung.

All diese Dinge kommen nicht aus der „Cloud“ sondern sie sind klassische Designprojekte, deren technologischen, gesellschaftlichen und semantischen Implikationen durchaus ernsthaft zu diskutieren sind. Die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Piore und Sabel (MIT) proklamierten bereits Mitte der 1980er Jahre „Das Ende der Massenproduktion“ (bedingt durch die damals aufkommenden CAD/CAM-Technologien), das war zwar etwas früh und visionär, aber heute ist es oftmals bittere Realität geworden.

Lucius Burckhardts These: „Design ist unsichtbar“, war schon 1980 ein Irrtum. Das ausgehende 20. Jahrhundert wurde von zwei bedeutsamen Entwicklungen für das Design geprägt:

- die Digitalisierung der Welt,
bereits 1982 wurde der Computer vom Time Magazine zum „Man of the Year“ gekürt

- Die aufkommende Postmoderne (Memphis lässt grüssen), das neue Deutsche Design u.a.m. haben mit ihren Produkten insbesondere „Bilder“ produziert.
Carlton (ein Regal das immer ohne Bücher gezeigt wird, denn diese würden dabei wahrlich stören) oder Billy (bei dem die Bücherfülle schon wichtiger ist als das Regal selbst) – das Design hat sich gravierend verändert: "From function to Meaning".

Die Erstellung von Fahrplänen ist eben kein Designproblem, die anhaltenden Bahnstreiks in Deutschland sind gesellschaftlich und politisch begründet und daran kann Gestaltung überhaupt nichts verändern.

Und das „Unsichtbare“ wird insbesondere durch die neuen, digitalen Technologien Lügen gestraft, Design macht sichtbar: Prozesse, Produkte, soziale Verhältnisse und ökonomische Bedingungen. Der Frankfurter Soziologe Manfred Fassler bezeichnet Design gar als „Statuskunst“, Maurice Merleau-Ponty beschrieb in den 1950er Jahren „Das Sichtbare und das Unsichtbare“. Heute kann man schlichtweg konstatieren: Design macht das Unsichtbare sichtbar.

Die Bedürfnisse wurden von den Begehrnissen abgelöst (Gernot Böhme), die Bilder- und Produktfluten sind inzwischen unerträglich. Ich gebe Ihnen Recht,  dies wäre durchaus ein Thema der Designtheorie und Designgeschichte. Sprechen wir darüber im Herbst 2015 – so die Züge (also die Sichtbaren) wieder fahren – einmal in Weil am Rhein?

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Bernhard E. Bürdek, geb. 1947, studierte u.a. an der HfG Ulm, lehrte bis 2013 Designtheorie und Designmethodologie an der HfG Offenbach, 2012 wurde er an der Universität für Angewandte Kunst in Wien promoviert. Im Sommer 2015 erscheint die 4. überarbeitete Auflage seines Buches „Design. Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung“.

9. Juni 2015