Gert Selle
Brief zum Thema "Design mit Geschichte"

Ich möchte den vor Ort Referierenden und Diskutierenden aus der Ferne eine Anregung geben, sich mit aktuellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen – Stichwort: digitales Design. Ein „Internet der Dinge“ steht ins Haus, nimmt man zum Beispiel das Buch über die „Makers“ (Anderson 2013) und automatische Fertigungsweisen via 3-D-Drucker ernst – der ist bloß noch nicht groß genug für ordentlich dimensioniertes Zeug.

Ohnehin schon in einer Welt der Wiederholungsschleifen und Abwandlungen des Gewohnten existierend, die als Entwürfe aus dem Bestand einer Design-Cloud hervorgezaubert erscheinen, leben wir in einer Epoche ununterbrochener Design-Events als Wiederholungen oder leichte Abwandlungen des schon Wohlbekannten. Dieses Posthistoire ist nicht unbedingt das Feld, welches man als Designhistoriker bearbeiten möchte. Es geschieht aber nicht Nichts. Doch wer trennt in diesem Nicht-Nichts die Spreu vom Weizen? Wer deckt das Unsichtbare, die strukturellen Differenzen im Sichtbaren auf?

Man erinnere die Schockwelle, die Lucius Burckhardt 1981 mit seiner Behauptung auslöste, Design sei unsichtbar. Haben wir es heute mit neuen Formen dieser Unsichtbarkeit von Design zu tun, einer Zone des Wirkens der Dinge und Halb-Dinge, in der Forschungsarbeit ansteht? Produktgestaltungs- und Handhabungsgeschichte gibt es immer noch auf der Grundlage vorgängiger Erfahrungen und des Neuentwurfs von Handhabungszielen und –prozessen, so dass wir längst nicht vom Ende der Designgeschichte reden können. Aber mit welchem Blick und welchem Besteck reagieren wir als Designgeschichte wissenschaftlich Aufarbeitende auf die strukturellen Veränderungen im Forschungsfeld? Mit welchem erweiterten oder fokussierten Ästhetik-Verständnis nähern wir uns dem unsichtbaren Design der Gegenwart?

Designgeschichte forschend zu betreiben heißt immer auch das Unsichtbare, in Form und Funktion Eingeschlossene an den Tag zu bringen – sei es an einem gegenwärtigen, sei es an einem älteren Entwurf. Wenn ich doch wüsste, was hinter, unter der wedelnden Wisch-Geste über einer Objekt-Surface steckt – der kulturellen Geste unserer Gegenwart schlechthin.

Sind es die unauffälligen, fast nicht mehr wahrgenommenen Gewohnheits-Handlungen beziehungsweise deren Entwurf, in denen die Designgeschichte momentan greifbar und sofort wieder flüchtig wird? Die Form der Dinge ist es wider Erwarten und Gewohnheit nicht. Es ist allenfalls die Gestalt des Handelns, des Umgangs mit ihnen, die zu beobachten uns zu Designhistorikerinnen oder Designhistorikern macht. Ich bitte über diese Behauptung nachzudenken.

Gert Selle, geb. 1933, ist emeritierter Professor für Kunstpädagogik der Universität Oldenburg. Er hat regelmäßig, seit 1974 u. a. zu designgeschichtlichen Themen publiziert (zuletzt „Geschichte des Design in Deutschland“ und „Design im Alltag“, beide 2007), ist zwischenzeitlich und danach zum Thema Wohnen desertiert (zuletzt „Die eigenen vier Wände“, 2011) und verschanzt sich heute hinter der Phänomenologie („Im Haus der Dinge“, erscheint 2015). Man kann sich auf ihn nicht verlassen. Er ist kein Designhistoriker, allenfalls ein Essayist mit Interesse an gegenständlicher Kultur.

21. Januar 2015