Call for Papers
Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer technischer Dinge
Workshop am IZWT (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung), Bergische Universität Wuppertal 19.-20. Januar 2017

Wartung und Reparatur sind Mittel, um die Funktionalität technischer Artefakte und Systeme aufrechtzuerhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Beide Praktiken sind ökonomisch und kulturell relevante, aber strukturell unsichtbare Tätigkeiten (Susan Leigh Star). Sie rücken erst in den Blick, wenn man eine Perspektivverschiebung vornimmt: Es gilt, sich in „broken world thinking“ (Steven J. Jackson) zu üben und insgesamt stärker den Bereich der „technology-in-use“ (David Edgerton) zu fokussieren. Wartung und Reparatur leisten einen zentralen Beitrag, um die Lebensdauer von Technik sowie die Stabilität soziokultureller Formationen zu gewährleisten. Beide Praktiken können dabei geplante und wiederkehrende Momente im „Lebenszyklus“ technischer Artefakte und der Aufrechterhaltung soziotechnischer Infrastrukturen sein; oder sie greifen in ungeplanten Momenten, um Störungen verschiedenster Art zu beheben. Das Reparieren kann ferner dazu dienen, ein bereits ans „Lebensende“ gekommenes Produkt oder ein unbrauchbar gewordenes Ding wiederherzustellen und so dessen Lebensdauer zu verlängern. Die in solchen Interventionen mit dem Technischen zum Einsatz kommenden Tätigkeiten und Handwerke unterlagen ebenso einem historischen Wandel wie die Konstruktion der technischen Artefakte als leicht, kaum oder nicht mehr „reparierbar“. Insbesondere seit dem 20. Jahrhundert können Artefakte und Systeme nicht nur technisch verschleißen, sondern auch aus der Mode kommen und so ein vorzeitiges „Lebensende“ erreichen. Wartung und Reparatur, also das Erkennen, Bearbeiten und Beheben technischer Probleme und Schwachstellen, finden auf dem von Kevin Borg sogenannten „middle ground“ zwischen den Bereichen der Produktion und der Konsumtion statt. Während diese beiden Bereiche bereits vielfältiges Interesse in der Technikgeschichte, -soziologie und -anthropologie und Kulturwissenschaft gefunden haben, sind Wartung und Reparatur bislang wenig untersuchte Phasen im „Leben“ technischer Dinge und Infrastrukturen.

Der Workshop „Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer technischer Dinge“ setzt hier an und möchte das Reparieren als soziale Praxis stärker in den Blick nehmen. Uns interessieren dabei gleichermaßen professionelle wie Amateurpraktiken, industrielle wie häusliche Settings, historische wie zeitgenössische Fallstudien. Wir schlagen zur Strukturierung des Workshops drei Themencluster vor:

1. Die Epistemologie des Reparierens: Hier stehen Fragen nach dem Reparaturwissen im Vordergrund. Generieren Praktiken des Reparierens spezielle Wissensbestände und Wissensformen? Sehen, hören, fühlen Reparateure anders als Designer, Produzenten und Konsumenten von Technik? Welche Skills erfordert das Reparieren, wie lernt man zu reparieren und wie kann man Reparieren lehren? Wie hängen Reparaturwissen, Hierarchien und Machtstrukturen zusammen? Und was bedeutet es für das technische Wissen, wenn reparierende Eingriffe in technische Artefakte durch Design mitgestaltet oder auch verhindert werden?

2. Die Akteure des Reparierens: Welche Akteure, Gruppen und Gemeinschaften sind in die Reparatur technischer Dinge involviert? Gibt es historisch unterschiedliche Kulturtechniken des Reparierens? Wie stabilisiert Reparaturarbeit soziotechnische Infrastrukturen? Inwiefern zeigen sich Störungen, Pannen und sonstige Unterbrechungen zugleich als Störungen zwischen Nutzern und Technik und damit nicht nur auf die Reparatur technischer Artefakte bezogen, sondern gleichermaßen auf die Reparatur der (gestörten) Beziehung zwischen Mensch und Technik? Ist Reparieren dann als eine spezifische Form der Mediation oder der
Sorgearbeit zu verstehen und welche geschlechtlichen Differenzen lassen sich möglicherweise antreffen?

3. Die Politik der Reparatur: Wie hängen Nachhaltigkeit, Reparaturfreundlichkeit und die mögliche Lebensdauer technischer Artefakte zusammen? Welche Effekte generieren die strukturelle Unsichtbarkeit und führen damit zum niedrigen Sozialstatus des Reparierens? Welches emanzipatorische Potential steckt in Praktiken des Selbst-Reparierens, wie sie beispielsweise in Reparaturcafés aus-und eingeübt werden? Welchen Beitrag können Praktiken des Reparierens oder ein reparaturfreundliches Design zum Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft leisten? Inwiefern erfordert eine stärkere Anerkennung des Reparierens eine Revalorisierung von Dinglichkeit?

Wir erbitten Vorschläge für Vorträge (30 Minuten) bis zum 8. April 2016. Bitte senden Sie Ihren Abstract (max. 350 Wörter) sowie einen kurzen CV an: stefan.krebs@uni.lu

Den angenommenen TeilnehmerInnen können Reise-und Unterkunftskosten erstattet werden. Der Workshop selbst basiert auf zuvor zirkulierten Arbeitspapieren (10-15 Seiten), die bis zum 18. November 2016 einzureichen sind. Sie werden von den AutorInnen kurz präsentiert und dann gemeinsam diskutiert. Als Ergebnis ist eine interdisziplinäre, innovative Veröffentlichung zu den Kulturen des Reparierens geplant.

Am 19. Januar 2017 wird Daniela K. Rosner (University of Washington) im Rahmen des Workshops einen Abendvortrag halten.

Call for Papers
„Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer technischer Dinge“
Workshop am IZWT (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts-und Technikforschung), Bergische Universität Wuppertal 19.-20. Januar 2017
VeranstalterInnen:
Stefan Krebs, Institute for History, University of Luxembourg, stefan.krebs@uni.lu
Gabriele Schabacher, Geschichte und Theorie der Kulturtechniken, Bauhaus-Universität Weimar, gabriele.schabacher@uni-weimar.de
Heike Weber, Technik-und Umweltgeschichte, Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftsund Technikforschung (IZWT), Bergische Universität Wuppertal, hweber@uni-wuppertal.de

 

12. Januar 2016