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Alfred Hückler
Geometriken

Hohe Schule konkreter Abstraktion
Über ein ungewöhnliches „Bilderbuch“ Alfred Hücklers

Rezension von Günter Höhne

Alfred Hückler, Jahrgang 1931, gehört zu einer kleinen Handvoll intellektueller Exzellenzen in der Designerschaft der untergegangenen DDR, die ihre Spuren weniger in der gegenständlichen Investitions- und Konsumgüterproduktion denn vielmehr auf den Wegen dorthin hinterließen – mit der Denkwerkzeug-Ausrüstung für Konstrukteure und Gestalter. Hückler, Ur-Berliner und von 1954 an bis Mitte der 1970er Jahre mit dem Entwerfen von technischen Geräten in der Industrie befasst, unterrichtete von 1970 bis 1998 an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und führte dort „Designgeometrie“ als Lehrgebiet ein, um hier „über den Zusammenhang von Konstruktion und Ästhetik zu vermitteln und damit einer formalen Willkür und Beliebigkeit in der Formentwicklung zu begegnen“, wie er bekennt. Folgerichtig wie allerdings gar nicht selbstverständlich war es, dass dieser sachlich-orientierte und Karriere-abstinente integre Ostberliner Wissenschaftler und Techniker nach der „Wende“ als erster frei gewählter Rektor an die Spitze der Kunsthochschule berufen wurde, hier mit beispielgebender Korrektheit und Sensibilität den Evaluationsprozess leitete und so auch wesentlich die von gewissen Westberliner Kehraus-Aktivisten politisch gewollte Eliminierung der Ostberliner Kunsthochschule mit verhinderte.

Seit seiner Emeritierung 1998 widmet sich Alfred Hückler extensiv und nunmehr ohne Bindung an ein Lehrprogramm dem Entwurf von Geometriken als konstruktiver Kunstgattung. Einer vormals schon gepflegten Freizeit-Nebenbeschäftigung, die ihm Vergnügen und Entspannung bereitete, wo für Laien und Amateure auf dem Spielfeld der Geometrie der Spaß allerdings recht bald aufhören würde. Denn um dieses künstlerische Steckenpferd mit Genuss zu reiten, muss einer schon traumwandlerisch sattelfest im Metier sein. Das ist nichts für Dilettanten. Auch dem ansonsten ungegenständlicher Kunst gegenüber wohl aufgeschlossenen, aber in geometrischen Konstrukten nicht bewanderten oder gar vorgebildeten Betrachter und erst recht Zeichenbrett-Allergikern bereiten derartige Bildnisse wohl eher verzweifelte Mühe, sich in diese vertrackt-disziplinierten Kompositionen von Linien und Kurven hinein- und deren Prinzipien herauszufinden.

Der Verfasser dieser Betrachtung weiß selbst genau, wovon er spricht. Doch er hatte das Privileg, über lange Zeit kontinuierlich Anschauungs-Unterricht vom Meister erhalten zu haben: Seit fast zwanzig Jahren erreichen ihn zu Silvester und anderen Festgelegenheiten handgezeichnete Kartengrüße mit Geometriken, glücklicherweise ab und zu von Andeutungen begleitet auf deren tieferen Sinn und Witz hin. Nur am zurückliegenden Jahreswechsel blieb diese gespannt erwartete Post erstmals aus. Man musste sich ernsthaft Sorgen machen, wissend, dass doch Alfred Hückler seit längerem von der ihn zunehmend bedrängenden Parkinson’schen Krankheit heimgesucht wird, wogegen er mit unfassbarer Willensstärke und Selbstdisziplin ankämpft, soweit das nur überhaupt möglich sein kann.   

Im Februar dann traf ein Päckchen ein, in dem sich die Erklärung für die vergebens erwartete Kartenpost verbarg: ein wunderbares druckfrisches Buch, an dem Hückler gearbeitet hatte, mit um die hundert „Geometriken“ und unter eben diesem Titel auch. In vier Kapiteln (Folgen / abstandsgleiche Kurvenscharen / Zerlegungen-Zusammensetzungen / Ablenkungen) breitet er mit diesem hoch anspruchsvollen, typografisch kongenial gesetzten und hervorragend gedruckten Querschnitt-Band das Musterbuch einer geometrischen Ästhetik aus, die sich zwischen gewitzter Rätselhaftigkeit und perfekter Logik bewegt. Ein Faszinosum für diejenigen, die schon seit längerem seine konstruktiv-künstlerischen Arbeiten verfolgen (es gab bereits auch einige öffentliche Ausstellungen dazu), aber erst recht wohl für in diesem Band erstmals darauf Stoßende.

Dabei sind all die Schöpfungen weder autarke noch gar extra für die Publikation geschaffene Werke. Sie und viele weitere „haben meine Erkundungen zur Ästhetik der Sachverhalte von Beginn an begleitet“, erklärt Hückler in seinem Vorwort und weiter: „meist nicht vorsätzlich, aber immer auch dazu benutzt, die Hypothese zu stützen, dass der reine Sachverhalt (...) auf jeden Rezipienten unvermeidlich eine eigenständige ästhetische Wirkung ausübt. (...) Was mich antreibt, ist schließlich auch die Faszination, die darin liegt zu beobachten, wie sich meine Annahme immer wieder bestätigen lässt oder aber in spannender Weise die Gründe für ihr Nichtzutreffen offengelegt werden (und mein nimmermüder Spaß an dieser Sache).“

Spaß an den Sachen Hücklers werden nun auch die Betrachter und Begrübler der Zeichnungen, selbst geometrisch unbeleckte, ganz bestimmt haben. Schwieriger wird es hingegen wohl manchem fallen, den Textausführungen auf Anhieb folgen zu können. Da tut mitunter wiederholtes Lesen not, um den Kern der hochintellektuellen und zudem eine gewisse Begabung zum abstrakten Denken abverlangenden Weisheiten knacken zu können.

Alfred Hücklers Motiv für dieses Buch ist es dabei ganz und gar nicht gewesen, sich somit ein eigenes Denkmal intellektueller Brillanz zu setzen, die Endlichkeit seines verbliebenen handwerklichen und Konzentrations-Vermögens allzu schmerzhaft vor Augen habend. Seinen tatsächlichen Antrieb benennt der Autor – im letzten Absatz des Vorwortes und in der ihm stets eigenen unaufgeregten wie dabei sehr bestimmt positionierten Deutlichkeit.

Meine Empfehlung: Diese Passage ganz zuerst lesen. Sie ist ein Schlüssel fürs Ganze.

Alfred Hückler
Geometriken
Ernst Wasmuth Verlag Tübingen, Berlin
126 S., zahlr. Abbildungen
ISBN 978-38030-3216-4, € 38,80

NEU: Website Alfred Hückler: prof-alfred-hueckler.de