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Justinian Jampol
BEYOND THE WALL - Jenseits der Mauer
sowie: WENDEMUSEUM: DAS DDR HANDBUCH

Ostdeutschstunde an der USA-Westküste
In Köln ist das wahre, amerikanische Bilderbuch zur Alltagskultur der DDR erschienen

Rezension von Günter Höhne

(GfDg- und Beiratsmitglied Günter Höhne hat uns anlässlich des soeben im Verlag Benedikt Taschen erfolgten Erscheinens von WENDEMUSEUM: DAS DDR HANDBUCH zwei Rezensionen zugesandt, veröffentlicht jeweils im Newsletter seiner Internetseite www.industrieform-ddr.de

Die erste stammt von 2014 und widmete sich dem (immer noch erhältlichen) Vorgänger-Band zum HANDBUCH, die zweite und ganz aktuelle unterzieht eben jenes einer Betrachtung:

Ostdeutschstunde an der USA-Westküste
In Köln ist das wahre, amerikanische Bilderbuch zur Alltagskultur der DDR erschienen

Als in Deutschland (genauer gesagt im Nordost-Drittel des Landes) einerseits die Ostalgiewellen-Flut gerade ihren höchsten Pegelstand erreichte, andererseits aber noch kaum ein namhaftes deutsches Museum der angewandten Kunst daran dachte, einer objektiven Sammlung und Dokumentation von DDR-Alltagskultur und -Design näherzutreten, gründete sich im Jahr 2002 als private kalifornische Initiative in Los Angeles ein „Wende Museum“. Genau mit besagtem Anspruch, mehr noch: mit dem Ziel, so viele Zeitzeugnisse des Feldversuchs Sozialismus wie möglich auch aus den ehemaligen „Bruderstaaten“ der DDR sicherzustellen und wissenschaftlich zu erfassen. Selbst als dieses Museum mehr und mehr nicht nur in den USA, sondern auch in immer größerem internationalen Rahmen von sich reden machte, fanden seine Aktivitäten noch lange nicht die gebührende Aufmerksamkeit in Deutschland, nicht in den Medien, schon gar nicht in der institutionellen Kulturpolitik der Bundesrepublik.

Es war lediglich ein glückliches Geschick, dass irgendwann nach dem 20. Jahrestag des Falls der innerdeutschen Grenze der Kölner Verleger Benedikt Taschen den Weg ins Wende Museum fand. Der war überwältigt von dem auf über 100.000 Objekte angewachsenen (und wohl sortierten) Fundus, und so reifte die Idee, im Taschen Verlag ein Buch zu machen, das Einblicke in die Wendemuseums-Sammlung bietet. Womöglich war Benedikt Taschen hier in L. A. nun auch ein wenig beschämt, weil er sich an den von ihm 1994 in der Bundesrepublik verlegten peinlichen Bestseller „SED. Schönes Einheitsdesign“ erinnern musste.

Wie dem auch sei, im November 2014 und somit zum 25jährigen Jubiläum des Mauerfalls war Buchpremiere von „BEYOND THE WALL – JENSEITS DER MAUER“ – und das Werk übertrifft bei weitem alle Erwartungen selbst derjenigen, die wie ich das Glück hatten, als Begleiter, Berater oder Begutachter sich bereits vor seinem Erscheinen teilweise Einblicke in den Entstehungsprozess verschaffen zu können.

Der zweisprachige (Englisch und Deutsch) und fünf Kilogramm schwere Band im praktischen Tragekoffer (typografisch und bindetechnisch alles hervorragend gestaltet, als Zugaben mit dem Faksimile eines familiären Urlaubs-Foto- und Tagebuchs sowie mit der Möglichkeit versehen, Audio- und Videodokumente abzurufen) umfasst gut 900 Druckseiten mit zumeist großformatigen, durchweg hochwertigen farbigen Abbildungen; darunter Reprints, aber zudem viele eigens vom Wende Museum hervorragend fotografierte Objektdarstellungen aus allen denkbaren Gesellschafts- und Lebensbereichen. Man blättert das auch als Kenner der Materie fasziniert durch – und dabei bildet der Wälzer sage und schreibe nur ein (in Zahl: 1) Prozent der bis 2014 vom Museum erworbenen Exemplare ab.

Nur Eines wird man vergeblich in dem Buch suchen, auch nicht im Ansatz finden: ideologische Indoktrination, antisozialistische oder antikommunistische Polemik, Herablassung oder Häme.

Dieser „Mangel“ ist den Herausgebern aber im Eifer der Sammelleidenschaft nicht etwa einfach so unterlaufen, sondern Justinian A. Jampol, Gründer und Geschäftsführender Direktor vom Wende Museum, bekennt sich auch noch ausdrücklich dazu. Er erinnert in seinem weisen Einleitungstext daran, dass Los Angeles in der Nazizeit vielen deutschen Exilanten – Intellektuellen, Schriftstellern, Künstlern – Zuflucht und teilweise auch Wirkungsmöglichkeiten bot und unterstreicht ausdrücklich in diesem Zusammenhang, diese Stadt mit diesem Museum sei heute, in eben jener Tradition, „Zufluchtsort für die physischen Überreste des Kalten Krieges, die vor dem gegenwärtigen politischen Zeitgeist in Europa (Hervorhebung G. H.) hier Exil gefunden haben.

Herausgeber und Verleger vertrauen auf eine selbstbestimmte, heute gängige wohlfeile Muster von DDR-Geschichtsschreibung kritisch prüfende Wahrnehmung ihres in der Tat außerordentlich gewichtigen gemeinsamen Arbeitsergebnisses. Justinian A. Jampol: „Letztlich werden die Sammlungsstücke durch die Betrachter, einschließlich der Leser dieses Buches, interpretiert, deren vermutlich ganz unterschiedliche Nationalitäten, politische Perspektiven und persönliche Erfahrungen ihre Sicht unweigerlich färben.“

BEYOND THE WALL
JENSEITS DER MAUER
Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR
Herausgeber: Justinian Jampol
Benedikt Taschen Verlag, Köln 2014
904 Seiten; EUR 99,99
ISBN 978-3-8365-4885-4

 

Handbuch von Jenseits der Mauer
Exzellenter Einblick ins Dingliche der DDR

Nur gut drei Jahre nach dem Erscheinen des in Kalifornien, USA, erarbeiteten und bei Benedikt Taschen in Köln gedruckten, in jeder Hinsicht gigantischen Überblickswerks „Beyond the Wall – Jenseits der Mauer. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR“ (siehe auch unser Newsletter 05/2014) ist jetzt zum halben Preis eine Art Volksausgabe davon erschienen. Beinahe identisch, aber kleiner, handlicher und unter neuem Titel: „Das DDR Handbuch“, Herausgeber wiederum das Wendemuseum in Los Angeles. Wir haben es unter die Lupe genommen, unter die sprichwörtliche. Eine echte war nicht nötig, die Abbildungen sind immer noch groß und großartig genug, um Wiedersehensfeste ohne Ende feiern zu können.

War der Vorgänger-Wälzer eine Sternstunde des populären Sachbuchs bei Benedikt Taschen, so ist diese kleinere Ausgabe nun, um im Bilde zu bleiben, immer noch ein sehr respektabler Sputnik, der die entschwundene Welt der DDR umkreist und von seiner Bodenstation aus, drüben in westlicher Hemisphäre, eine Unmenge Entdeckungen vermeldet. Mit anderem Wort: ein Trabant (zumal in kunststoffveredeltes Textil gekleidet) wie eben wie jenes tragikomische, beengte, kompakte, verlässliche und für DDR-Werktätige nach über 10 Jahren Anspar- weil Lieferzeitzeit erschwingliche Benzinvehikel aus Zwickau. Das Erstaunliche an dieser Nachfolge-Ausgabe des vormals opulenten 5-Kilogramm-Wälzers: sie hat mit ihren immerhin noch 816 wieder durchgängig in Vierfarbdruck präsenten Buchseiten (und damit gegenüber dem großen Bruder vom Umfang her nur geringfügig abgemagert) keine empfindlichen Abstriche an Ein- und Ansichten zum Alltag in der DDR aufzuweisen. Aus den fünf sind knapp zwei Kilo Papiergewicht geworden, und das Format fügt sich nun auch mit seinen nur noch etwa 24 Zentimetern lichter Höhe endlich in ein Standard-Bücherregalfach ein. Verzichtet wurde im Dienst von Handlichkeit und Bilderlust auf etliche eingehendere textliche Ausführungen, wie sie im Ur-Band präsent sind. Hier erzeugte Komprimierung am Ende jedoch nicht zugleich Eliminierung von Sachdarstellungen und (ohnehin bereits erfreulich sparsamen und niemals ideologisch aufgesetzten) Kommentierungen. Nein, oberflächlicher ist dieses nun etwas reduzierte Werk kaum geworden. 

Was nicht heißt, dass keine Wünsche offen bleiben würden. Und deren Erfüllung fiele wohl kaum ins Gewicht, sie hätte wenn überhaupt maximal einen Druckbogen mehr verlangt: Vermisst werden vom Rezensenten Quellenangaben zu den dargebotenen und nicht immer grundsoliden, zuweilen beliebig rudimentär anmutenden Objekt-Informationen, und vergeblich suchte er weiterführende vorhandene Literatur- und andere Medienhinweise zu Sachthemen. So drängt sich der Eindruck auf, Entdecker und Sammler Justinian Jampol und seine Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung durchstreifenden Scouts selbst hätten hier Feldforschung ganz auf eigene Faust betrieben. An so mancher Stelle im Buch identifiziert der Kenner allerdings recht eindeutig die unterschlagenen Quellen vermeldeten Wissens um Ursprünge und Urheber von Kunst und Alltagsdesign. Und auch darüber erfährt der Leser leider nichts: Wie das überhaupt bewerkstelligt werden konnte, dieses systematische, zielgerichtete Aufspüren, Erwerben, Sortieren Erfassen und Dokumentieren hunderttausender Zeitzeugnisse aus vier Jahrzehnten sozialistischer deutscher Eigenstaatlichkeit hinterm Eisernen Vorhang – und wie das um Himmels Willen logistisch machbar war, bis hin zum der Öffentlichkeit völlig verborgen gebliebenen Abtransport dieses enormen Massengutes über den Atlantik. Von offenen Fragen zum Urheber-, Eigentums- und Persönlichkeitsrecht an diesem und jenem Aufgespürten und jetzt in diesem Werk Veröffentlichten ganz zu schweigen...

Um hierauf wenigstens die eine und andere kurze Antwort zu finden, empfiehlt es sich dann doch, auf den Ursprungs-Wälzer von 2014 zurückzugreifen. Der bleibt letztendlich unersetzlich, unnachahmlich, einzigartig. Als Handbuch ist der kleinere Ableger aber dennoch ein ziemlich großer Wurf.

WENDEMUSEUM: DAS DDR HANDBUCH
Herausgeber: Justinian Jampol
Benedikt Taschen Verlag, Köln 2017
816 Seiten; EUR 50,00
ISBN 978-3-8365-6520-2