Gui Bonsiepe
Diseño industrial en Chile 1971 – 1973

Rezension von Bernhard E. Bürdek

Bildseite aus: Diseño industrial en Chile 1971 – 1973

Ein kurzer Blick auf die neuere Designgeschichte

Ende der 1960er Jahre übersiedelte der ehemalige Student und spätere Dozent Gui Bonsiepe an der Hochschule für Gestaltung von Ulm nach Lateinamerika. Die Schließung der für das Design durchaus bedeutsamen Institution vertrieb die Ehemaligen (Studierende wie Lehrende) vom Kuhberg in alle Welt. Dort haben manche durchaus Spuren hinterlassen.

Über seine kurze Zeit in Chile berichtet Bonsiepe jetzt in einer Publikation (Del archipiélago de proyetos. Diseño industrial en Chile 1971 – 1973). Unter der Regierung von Salvador Allende wurde in Santiago das INTEC (Comité de Investigaciones Tecnológicas) betrieben, dessen Leiter der Designabteilung Bonsiepe wurde. Bis zum Putsch und Sturz der Allende Regierung im September 1973 wurden in einem Zeitraum von 30 Monaten 17 Projekte durchgeführt die hier dargestellt werden. Thematisch waren diese allesamt an den elementaren Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert und so gesehen veritable Projekte eines politischen Designs, über das heute gerne geredet und publiziert wird - aber in der Praxis keine sichtbaren Spuren hinterlässt.

Eines der bedeutsamten, das durch diverse Publikationen (u.a. im The New Yorker, Oktober 2014) ) wieder an Aktualität gewonnene, war das Projekt CYBERSYN o SYNCO. Es handelte sich dabei um ein zentralisiertes Entscheidungszentrum für die Ökonomie und Politik in Chile. Unter Leitung des Systemtheoretikers Stafford Beer (1926 – 2002) und Fernando Flores (damals Leiter des Industrieministeriums in Santiago de Chile) wurde ein System der Datenkoordination und Visualisierung entwickelt, das seiner Zeit reichlich voraus war. Sämtliche Betriebe übermittelten ihre Kennzahlen via Fernschreiber (!) an den Kontrollraum (Opsroom) in dem sich verantwortlichen Entscheidungsträger zusammenfanden, berieten und Entscheidungen trafen.

Fernando Flores übersiedelte später nach Kalifornien und engagiert sich in der Softwareentwicklung. Zusammen mit Terry Winograd (Stanford University) veröffentlichte er 1986 ein bahnbrechendes Buch „Understanding Computers and Cognition. A New Foundation for Design“ (Ablex Publishing Corporation). Aufbauend auf Arbeiten von Heidegger, Gadamer, Maturana oder Austin werden dort Grundlagen eines Human Centered Design entwickelt, die bis die Gegenwart hinein wirksam sind.

Durchaus beeinflusst durch die damals aufkommenden glasfaserverstärkten Möbel in Italien wurden technisch anmutende, aber gleichermassen ergonomische Sitzmöbel entworfen und sodann manuell gefertigt. Der „Opsroom“ stellte so gesehen eine ganz frühe Verbindung von technischem Datentransfer und der dazugehörigen Visualisierung auf Monitoren dar. Das dies heute alles via Smartphone erledigt werden kann macht anschaulich, wie das Design vom jeweiligen Stand der Technik abhängig ist und welche Lösungen es generiert.

Nachdem zu dem Projekt in Santiago de Chile auch noch ein Roman von Sascha Reh erschienen ist: „Gegen die Zeit“ (Frankfurt a.M. 2015) berichtete sogar DER SPIEGEL über dieses Projekt einer frühen fortgeschrittenen Datenverarbeitung (http://www.spiegel.de/einestages/projekt-cybersyn-stafford-beers-interne...).

Das kleine Buch enthält 14 weitere Kurzberichte über Projekte die am damaligen INTEC durchgeführt wurden. Auftraggeber waren weitgehend nationale Behörden aus dem technischen, landwirtschaftlichen und Gesundheitsbereich. Sämtliche Projekte waren von einer detaillierten Methodik geprägt (die HfG Ulm ließ grüssen), sie kennzeichneten eindrucksvoll die beginnende Industrialisierung in Chile und sind gleichermaßen Zeitzeugen funktionalen Gestaltens im 20. Jahrhundert. Es gibt wohl kaum ein anderes Designprojekt, dem soviel Öffentlichkeit zugekommen ist. Zwar mit einer Verspätung von über 40 Jahren, aber dies ist der technologischen Entwicklung geschuldet: im global vernetzen Datenmeer erinnert der „Opsroom“ an die Frühzeit dieser Entwicklung. Dies macht auch seine – bisher kaum rezipierte - designhistorische Bedeutung aus.

Gui Bonsiepe: Diseño industrial en Chile 1971 – 1973. Colección Minima de Diseño. Edition NODAL, La Plata / Argentina. www.nodal.com.ar, ISBN 978-987-42-1337-2)