Ursula Muscheler
Das rote Bauhaus.
Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern

Rezension von Günter Höhne

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus

Nur noch zwei Jahre hin, dann werden wir überschüttet mit „Bauhaus“-Gedenken, -Bedenken und auch -Geschenken wie den neuen musealen Huldigungsstätten in Weimar und Dessau oder deren (auch hier längst überfälliger) Erweiterung und Modernisierung in Berlin-Tiergarten. Die deutschlandweiten Jubiläumsfeiern zur 100. Wiederkehr des Gründungsjahres dieser einzigartigen, weltberühmten staatlichen Produktkultur- und Architekturhochschule stehen unter dem zentralen Motto „Die Welt neu denken“. In wie weit dabei das Bauhaus selbst neu gedacht wird und vor allem auch in einer ganz bestimmten, nicht unwesentlichen Hinsicht weiter als bei all den zurückliegenden Retrospektiven zu unterschiedlichen Gelegenheiten, bleibt abzuwarten...

Ein soeben erschienenes kluges Buch gemahnt daran. Die Düsseldorfer Autorin und promovierte sowie praktizierende Architektin Ursula Muscheler hat es verfasst und ihm den Titel gegeben „Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern.“

Kürzlich stellte sie sich dazu einer munteren Diskussion mit dem Berliner Architektur- und Städtebauhistoriker Thomas Flierl vor sachkundigem Publikum im Literatur-Forum des Brecht-Hauses an der Chausseestraße in Berlin-Mitte.

Nur die Wenigsten unter den Anwesenden – Flierl natürlich ausgenommen – schienen aber das nicht übermäßig umfangreiche und durchaus so schlüssig wie flüssig verfasste Werk vorher gelesen zu haben. Erst die Lesung dieser und jener Passagen durch die Autorin korrigierte anfängliche skeptische Erwartungen, es sei ihr unter diesem Titel womöglich nur an einer weiteren Betrachtung und Analyse der kommunistischen Studentenzelle am Dessauer Bauhaus gelegen gewesen. Weit gefehlt. Behandelt werden die Schaffens- und Leidensumstände vornehmlich von Mitgliedern der sich um den ehemaligen Bauhausdirektor Hannes Meyer scharenden „Bauhaus-Stoßbrigade Rot Front“, die sich ab Anfang der 1930er Jahre als Architekten und Stadtplaner an Großprojekten des Fünfjahrplans in der Sowjetunion beteiligten, so wie auch das andere deutsche Spezialisten-Kollektiv um den berühmten Stadtbaurat Ernst May aus Frankfurt am Main oder Bruno Taut.

Auf bewundernswert komprimierte wie zugleich in der Schilderung von Einzelschicksalen eindrucksvoll, ja fesselnd ins Detail gehende, dabei aber durchweg sachlich konstatierende Erzählweise versetzt Ursula Muscheler ihre Leser nun in jene Jahre dramatischer Ent- und Verwicklungen einer historisch einzigartigen sowjetischen und zunehmend stalinistischen Alltagswirklichkeit, die geeignet gewesen wäre, all die Träume der deutschen „Brigadisten“ von einer gerechten, kommunistischen, humanen neuen Welt alsbald im Steppenwind um die neuen Industrien und ihre neuen Städte verwehen zu lassen. Umso erschütternder nachzulesen, wie verzweifelt und unbeirrt und wie verschieden zugleich sich die so Betroffenen an ihren Missionen als solidarische Aufbauhelfer in Sowjetrussland festklammerten – wie fruchtlos am Ende meist und allzu oft dem stalinistischen Terror auch physisch unterliegend, bis zu Deportation und Vernichtung im Gulag. Ursula Muscheler setzt roten Brigadisten wie Hans Blumenfeld, Margarete Mengel, Bela Scheffler, Tibor Weiner, Antonin Urban und Philipp Tolziner (wer weiß von diesen Namen überhaupt) nun endlich ein Denkmal.

Die letztendliche und seltene Größe der exemplarischen Aufarbeitung einiger dieser menschlichen (und architekturhistorischen) Schicksale durch die Autorin liegt für mich darin, dass Ursula Muscheler als Fazit aller hier von ihr dokumentierten Fälle „von Migration, Flucht, Überleben und Tod, von Hoffnung und Scheitern“, wie es im Klappentext heißt, nicht den im gegenwärtigen obligatorischen gesellschaftlichen (?) „russlandkritischen“ Klima doch ziemlich erwartungsgemäßen Schluss zieht, sozialistische und kommunistische Ideale seien eben auch hier nur Irrwegen gefolgt und auch sie, die „roten Bauhäusler“, schließlich den Wurzeln oder jedenfalls dem Dünger allen bis heute nachwirkenden diktatorischen Moskauer Übels zuzurechnen.

Muschelers letztes Wort hierzu am Ende ihres äußerst les- wie streitbaren Buches, die bevorstehenden Bauhaus-Jubiläumsfeiern erwähnend: „Sie böten eine gute Gelegenheit, auch einmal, neben Stahlrohrsesseln und weißen Kuben, das „rote Bauhaus“ vorzustellen, denn wer hätte die Welt über das Ästhetische hinaus neuer gedacht als die Rot-Front-Brigadisten, wer unter Einsatz des eigenen Lebens radikaler an ihrer gesellschaftlichen Umgestaltung mitgewirkt.“

Günter Höhne, April 2017

Ursula Muscheler: Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern. 168 Seiten, illustriert. Berenberg Verlag, Berlin 2016; ISBN 978-3-946334-10-1, 22,- EUR