Friedrich Bundtzen und seine Mitarbeiter
Ausstellung im Neuen Schloss Bad Muskau, 8. März bis 12. Mai 2019
Designzentrum WERKSTATT FÜR GLASGESTALTUNG WEISSWASSER

Glas in Bestform

Eine Ausstellung im Pückler-Schloss Bad Muskau würdigt die Lausitzer Werkstatt für Glasgestaltung 1950 – 1968

Glas aus der sächsischen Lausitz war im 20. Jahrhundert als Industrieprodukt ein weltbekannter Güte-Begriff für höchste Form-, Verarbeitungs- und Gebrauchsqualität. Ob als Glühlampenkolben- und Röhrenhersteller oder deutscher Konservenglas-Marktführer, als traditionsreiche Hüttenvereinigung von mund- oder maschinengeblasenem Haushalts- und Zierglas wie auch unzähligen Press- und Schleuderglas-Sortimenten: die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) mit ihrer Firmenzentrale in Weißwasser verkörperten bis zum Ende des II. Weltkrieges neben den Jenaer Glaswerken eines der potentesten „Designzentren“ dieses Industriezweigs in Deutschland. Dieser gute Ruf konnte in Ostsachsen anschließend auch unter dem VEB-Zeichen über den Werkstoren und an den Hüttenfassaden verteidigt und fortgeschrieben werden, ab den 1970er Jahren dann war man auf dem Weltmarkt unter dem schlichten wie prägnanten Namen VEB Kombinat Lausitzer Glas präsent und geschätzt. Nachdem die DDR in Scherben fiel, brauchte es aber nur kurze Zeit, um auch diese all zu lange machtlos hinnehmen müssende ostdeutsche Warenkonkurrenz mit ein paar (Treu-) Handstreichen beiseite zu fegen.
                  Sowohl in Jena als dann auch und vor allem in Weißwasser war es in den 1930er und 1940er Jahren der ehemalige Bauhäusler Wilhelm Wagenfeld, der im funktional-ästhetischen Niveau der Glassortimente neue Maßstäbe setzte. In Weißwasser ab 1935 Künstlerischer Leiter der VLG, wurde einer seiner engeren Mitarbeiter der Glasgestalter Friedrich Bundtzen. Als Nachfolger Wagenfelds leitete dieser ab 1950 die Entwurfszentrale des Unternehmens unter der Bezeichnung „Werkstatt für Glasgestaltung“. Sie war fast 20 Jahre lang mit ihren um die 10 ständigen oder auch wechselnden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das kulturelle Herz von Lausitzer Glas, bis dem mit der Kombinatsbildung ab 1969 eine „Zentrale Abteilung Erzeugnisentwicklung“ (ZAE) folgte.
                  Schon deren Bezeichnung lässt ahnen, wie sich von nun an die Arbeitsschwerpunkte und Ziele der Gestaltungskompetenzen entwickeln sollten. Am Ende, in den 1980er Jahren, war Glas aus der Lausitz überwiegend zur Devisen erwirtschaftenden Billigware geworden und der Einfluss der Gestalterinnen und Gestalter auf die Produktkultur hatte deutlich abgenommen.
                  Seit Anfang März zeigt nun erstmals eine umfassende, beeindruckende Ausstellung im nach der Wiedervereinigung buchstäblich aus Ruinen auferstandenen Neuen Schloss Muskau im Fürst-Pückler-Park an der Neiße die ganze Pracht der Hinterlassenschaften der einstigen Werkstatt für Glasgestaltung. Ausgangs- und Mittelpunkt sind zahlreiche Schöpfungen zunächst von Wilhelm Wagenfeld, aber besonders dann von Friedrich Bundtzen, umgeben von den industriell oder auch manufakturell produzierten Arbeitsergebnissen etwa eines Dutzend Mitwirkender in der Werkstatt ab 1950, auch später zum Teil noch in der Entwurfsabteilung des Kombinats bis 1990.
                  Initiiert und kuratiert haben diese überwältigende Schau, auf die Plakate in deutscher und sorbischer Sprache hinweisen, zwei Kenner und Sammler, die am selben Ort bereits drei Vorgänger-Präsentationen vergangenen und heute noch überzeugenden Lausitzer Glasdesigns zustande gebracht haben: „Wilhelm Wagenfeld“ (2012), „Das schönste Glas der Lausitz 1950 bis 1970“ (2014) und „Design für den Alltag – Ankerglaswerk Bernsdorf“ (2016).
                  Richard Anger, längst im Osten domestizierter und in Hoppegarten bei Berlin ansässiger „Wessi“, ist kenntnisreicher Sammler von herausragend gestaltetem DDR-Design vorwiegend im Wohnbereich und ein leidenschaftlicher Glas-Liebhaber, einst bei Wagenfeld beginnend und sich bis zu Manfred Schäfers Schaffen als Nachfolger Friedrich Bundtzens in Weißwasser erstreckend. Mit ihm hat er noch kurz vor dessen Tod 2017 ein hochinteressantes Interview geführt, das im Katalog der Ausstellung nachzulesen ist. Zweiter Kurator und Leihgeber ist der namhafte Cottbuser Kulturhistoriker, Museologe, Buchautor und Glasexperte Siegfried Kohlschmidt, der u.a. auch die Ständige Ausstellung zu Leben und Werk der Fürsten Pückler im Neuen Schloss Muskau einrichtete.
                  Ein Glück, dass es die beiden gibt und sie so fabelhaft „miteinander können“. Und dass die heutigen Muskauer Schlossherren, die Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“, ihre Türen offen gehalten haben auch für deren erneute Glas-Ausstellung. Diese präsentiert übrigens nicht nur rund 500 vortrefflich ins Licht gesetzte Vitrinen-Exponate, sondern auch eine Menge an Informationen und Dokumenten zur Geschichte der Werkstatt für Glasgestaltung, besonders hervorzuheben darunter die zum Teil erstmalige Namhaftmachung von Gestalterinnen und Gestaltern in Zuordnung zu ihren Werken. Was zum Glück auch in dem vorzüglichen umfangreichen farbigen Katalog zur Ausstellung Niederschlag gefunden hat, der somit Sammlern von Ost-Glas von nun an unschätzbare Dienste erweisen dürfte.

Apropos Exponate: Zur Ausstellungseröffnung anwesend und deutlich beglückt waren auch Vertreterinnen und Vertreter des Glasmuseums Weißwasser, das als weiterer Leihgeber zur Opulenz dieser einmaligen Muskauer Glas-Parade durchaus mit beigetragen hat. Allerdings wohl auch mit einer Träne im Knopfloch. Zwar umfasst der Bestand der Objekte und Dokumente des 1993 auf Initiative der Stadtverordnetenversammlung gegründeten Fördervereins Glasmuseum Weißwasser e. V. und seines ein Jahr später in einer ehemaligen Unternehmervilla eröffneten Museums nach eigenen Angaben über 60.000 Exponate, aber die recht beschränkten Räumlichkeiten des Hauses lassen ähnlich großzügig und optimal konzipierte Dauer- und Sonderausstellungen leider nicht zu, wie sie das Schloss Bad Muskau mit seiner Glas-Ausstellungskultur nun bereits wiederholt präsentieren kann. Nur ist eben dieses Schloss kein Glasmuseum und will auch keines werden.
                  Der Traditionsort dafür, Herz und Seele für die Bewahrung des industriellen Kulturerbes Lausitzer Glas, ist Weißwasser, und es wäre längst fällig gewesen, dass sich hier neben den Stadtvätern und dem immer älter und absehbar nicht entscheidend größer werdenden Kreis der nach wie vor hoch motivierten Vereinsaktivisten auch die Regierung des Freistaates Sachsen engagiert. Nicht nur mit freundlichen Worten der Anerkennung (an denen es bisher auch fehlt), sondern zum Beispiel mit einer dem Genius Loci angemessenen Museums-Neubauinitiative. Wann, wenn nicht jetzt. Ein echtes „Industriemuseum Lausitzer Glas“ in Weißwasser wäre nicht nur sowieso eine historisch und womöglich auch architektonisch bedeutsame weitere Attraktion in der sächsischen Museumslandschaft und darüber hinaus ein potenter Beitrag zur Wirtschafts- und Tourismusförderung in der Region. Nie aber standen die Zeichen einer Realisierung je so günstig wie heute, da gerade auch in der Lausitz sich mit dem Energiewandel große wirtschaftlich, sozial und kulturell herausfordernde Umbrüche in der Industrie- und Umweltgestaltung abzeichnen – mit einmalig realistischen Aussichten auch auf die für ein solches Projekt benötigten Bundes- und Landesmitteln. Dazu bedarf es keines Blickes in die berühmte Glaskugel.                                                                                                  

Günter Höhne

Der gleichnamige Katalog ist für € 15,- in der Ausstellung erhältlich oder auch auf Anfrage unter richardanger2@aol.de

 

 

26. März 2019