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Katharina Pfützner
DESIGNING FOR SOCIALIST NEED
Industrial Design Practice in the German Democratic Republic

Irische Fibel zur DDR-Designgeschichte
Eine exotische Thematik? Nicht in Dublin

Rezension von Günter Höhne

Im Jahr 2012 hat die Industriedesignerin und Hochschuldozentin Katharina Pfützner, in Dresden geboren und seit 1991 in Irland lebend, am College of Art and Design in Dublin mit einer Arbeit zur Industrieformgestaltung in der DDR promoviert. Von 2004 an lehrt und forscht sie dort, vornehmlich mit dem Fokus auf soziale Verantwortung in der Designpraxis von heute und morgen. Jetzt legt sie, basierend auf ihrer Dissertation, ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes wissenschaftliches Sachbuch vor mit dem Titel DESIGNING FOR SOCIALIST NEED: Industrial Design Practice in the German Democratic Republic. Frei übersetzt: Entwerfen für Gebrauchsgut im Sozialismus: Designpraxis in der DDR.

Der Inselstaat Irland ist etwa von der Größe wie dereinst die DDR, ansonsten geografisch und gesellschaftshistorisch meilenweit von dieser entfernt. Aber: hat sich seit 1990 im vereinigten großen Deutschland bislang noch keine Institution entschließen können, ein auch nur annähernd dermaßen umfassendes, gründliches, analytisches und sachlich kompetentes, ergo ideologie-abstinentes Kompendium vergleichsweiser Thematik und Qualität zuwege zu bringen, so fand sich nun auf der kleinen grünen nordwesteuropäischen Insel ein Weg. Der zum Druck entschlossene Verlag namens Routledge gehört zur anspruchsvollen britisch-amerikanischen Taylor & Francis Group, die ein breites Spektrum seriöser wissenschaftlicher Literatur auf den Gebieten Human- und Sozialwissenschaften, Philosophie, Architektur, Stadtplanung, Design und aus weiteren Politik- und Kulturbereichen anbietet, neben Druckausgaben vor allem eine riesige Auswahl auch an E-Büchern (www.tandfebooks.com).

Im Vorwort hebt die Autorin zunächst hervor, was sie mit ihren Studien, Analysen und Bewertungen im Buch nicht verfolgt: so etwa die Heraushebung bestimmter Designerinnen und Designer als kreativer Genies, berühmt für spektakuläre Einzelleistungen, so wie dies in Publikationen vorherrscht, die sonst westliches Design zelebrieren. Stattdessen legt sie in ihrem Werk dar, warum und wie (allzu oft auch widersprüchlich und staatlich durchorganisiert) sich im sozialistischen Ostdeutschland ein kollektiver Schaffensprozess entwickelte, dessen Anliegen weniger äußerliche Exklusivität war, sondern wo stattdessen den Kontext vielmehr soziale, ideologische und wirtschaftliche Faktoren bestimmten. Und die Verfasserin verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auch darauf, dass hervorragendes „Design“ in der DDR zu keinem geringen Anteil – neben studierten Formgestalterinnen und Formgestaltern – auch hervorgebracht wurde von begabten Ingenieuren, Konstrukteuren, Werkzeugmachern und sonstigen Technikern (hier wie in der Designerschaft übrigens mit einem nicht geringen Frauen-Anteil). Besonders deutlich werde dies beim Blick auf Leistungen im Investitionsgüter-Design, das in der DDR einen hohen Stellenwert auch als Handelsware auf dem Weltmarkt hatte. Vor allem aber betont Katharina Pfützner bei der Aufreihung von „No-go-Areas“ in ihrem Atlas zur DDR-Designgeschichte, dass sie sich mit ihren Darlegungen weit entfernt hält von einer „nostalgischen Rekonstruktion der DDR“ als „(nur) verfehltem sozialem Experiment“ auf dem Weg hin zur Verwirklichung des großen Traums von einer gerechten menschlichen Gesellschaft.

DESIGNING FOR SOCIALIST NEED gliedert sich in drei Themenkomplexe mit insgesamt sieben oftmals tief ins Detail gehenden Kapiteln. Thema eins widmet sich den gesellschaftlichen und politischen Grundlagen für den Designprozess in der DDR, Thema zwei exemplarischen theoretischen und praktischen Leistungen (hier besonders dem Ringen um komplexe funktionale Gestaltung und der Analyse von bestimmten Design-Systemen), der dritte Themenkreis umfasst Widersprüchlichkeiten und auch den versuchten kulturellen Widerstand Betroffener innerhalb des staatlichen Design-Lenkungssystems. Damit im Zusammenhang zu sehen ist des weiteren eine Analyse von Hindernissen beim Zusammenspiel von Entwurf, Produktion und Handelspolitik.

Ihre Kenntnis der vielschichtigen und nicht selten auch diffizilen Materie schöpft Katharina Pfützner – selbst nie persönlich involviert in DDR-Designtheorie und -praxis – aus einem unerhört zeit- und organisationsaufwendigen Quellenstudium, umfangreichen Literaturstudien und vor allem auch intensiven Befragungen und Diskussionen mit direkt an Designprozessen zwischen den 1950er und 1980er Jahren Beteiligten, 26 an der Zahl, von der Keramikgestalterin über den Werkzeugmaschinen- und Fahrzeug-Designer bis hin zum Hochschuldozenten oder einstigen Staatsfunktionär.

Beredtes Zeugnis vom akribischen Rechercheaufwand und -nachweis vermittelt der umfangreiche wissenschaftliche Apparat im Buch, von den ausführlichen Anmerkungen, Quellenzitaten und Bibliographien bis zum hilfreichen Index am Ende des Bandes.

Was die Autorin zu ihren immens vielfältigen und gründlichen Analysen in puncto Produktkultur in der DDR veranlasste und sie über 12 Jahre lang zur Stange halten ließ, um dieses Buch zu Ende zu bringen, bringt sie in einem kurzen Schlusswort auf den Punkt. Sie zitiert den amerikanischen Designhistoriker und -kritiker Victor Margolin, der 2002 sinngemäß sagte, dass sich aus der Erinnerung an Designleistungen der Vergangenheit und aus deren designpolitischen und -praktischen Erfahrungen Schlussfolgerungen ziehen ließen, die einerseits eine Wiederholung von Fehlern in der Zukunft verhindern, andererseits Zukunfts-Aufgaben und Chancen auch wieder neu entdecken lassen können. Sie hoffe, so schließt Katharina Pfützner, ihr Buch habe aufgezeigt, dass auch eine tiefere Kenntnisnahme des entfernten und vergangenen DDR-Designs sowie der Diskurs über seine Entwicklungen und Praktiken die allgemeine Sicht auf Erfordernisse und Möglichkeiten für heutige und künftige Designaktivitäten um bedenkenswerte Aspekte erweitern könnte.

Da wäre es doch nicht nur wünschenswert, sondern durchaus geboten, dass dieses erste wissenschaftliche Standardwerk in englischer Sprache über die vielschichtigen Prozesse von Designentwicklung und Förderung in einer industriell entwickelten sozialistischen Wirtschaft wie der DDR auch hierzulande und in deutscher Fassung Verbreitung fände. Meint der Kritiker         Günter Höhne   

 

Katharina Pfützner

DESIGNING FOR SOCIALIST NEED: Industrial Design Practice in the German Democratic Republic.

263 Seiten, illustriert. Verlag Routledge Research, Oxon / New York; ISBN 9781138187917

Buchpreis, gebunden: 140,- EUR / eBook ISBN 9781317284208