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Hans-Peter Jakobson (Hg.)
Bärbel Thoelke – Porzellan

Sechzig Jahre dem Porzellan verfallen: Bärbel Thoelke

Rezension von Günter Höhne

Sechzig Jahre dem Porzellan verfallen: Bärbel Thoelke
Fein und zugleich bodenständig – die Frau wie ihr Werk

Hans-Peter Jakobson (Hg.):
Bärbel Thoelke – Porzellan
Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2018
Hardcover, 112 S., € 34,-; ISBN 978-3-89790-550-4

Ein Jahr nach dem 80. Geburtstag der Berliner Gefäßgestalterin Bärbel Thoelke liegt nun das Lebenswerk dieser großartigen Anwältin zeitgemäßer deutscher Porzellankultur auch in Buchgestalt vor. Aber was heißt Lebenswerk – da ist ja wohl einiges auch noch zu erwarten, so wie wir sie kennen. Herausgeber und Autor dieser ersten umfassenden Monografie über sie ist einer der fundiertesten und seit Jahrzehnten mannigfach aktiven Kenner des Sujets, der Kultur- und Kunstwissenschaftler und langjährige ehemalige Direktor des Museums für Angewandte Kunst Gera Hans-Peter Jakobson.

Mehr oder weniger detaillierte Veröffentlichungen zu Arbeiten der Porzellankünstlerin gibt es schon eine Vielzahl, seit sie ihr Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee 1963 als Diplom-Industrieformgestalterin abschloss, wie die Bibliografie im Anhang des Buches eindrucksvoll belegt. Eigene Publikationen von Bärbel Thoelke über ihr Wirken sind hingegen rar und zudem eher kurz und bündig. Sie wollte und konnte sich für so etwas wohl einfach keine Zeit nehmen. Die nahm ganz ihr künstlerisches Schöpfertum in Anspruch – als begehrte Gestalterin für die industrielle Serie, experimentierfreudige Studiokeramikerin, Hochschullehrende und nach wie vor international gefragte Ausstellende. Wer die Dinge aus ihrer Hand genauer betrachtet und sie berührt, kann doch wohl auch ohne große Worte begreifen, wes Geistes Kind diejenige ist, die dahinter steht; poetisch sensibel, handwerklich risikofreudig, achtungsgebietend. Weshalb also noch große Worte drum herum machen. So ihr Standpunkt. „Es erscheint mir für meine Person nicht wichtig, kundzutun, wie und auf welche Weise ich zu meinen künstlerischen Ergebnissen gekommen bin. Die Arbeit selber sollte mit dem Adressaten reden und ihn überzeugen, welch hinreißendes Material Porzellan ist und welche unglaublichen Ausdrucksmöglichkeiten es hat“, schrieb sie mir unlängst in einem Brief.

In der jetzt vorliegenden umfassenden Würdigung ihres Schaffens kommt nun aber glücklicherweise doch Vieles und Eingehendes über sie, über ihre Arbeiten und ihre Ambitionen zur Sprache, sie selbst aber ringt sich auch hier einzig ein lakonisches Statement ab, eingangs des schönen, vornehmen Text-Bild-Bandes und ganze sechzehn Druckzeilen „lang“. Ein dennoch großes Credo, denn es beschränkt sich nicht darauf, Motivation selbstgewiss zu resümieren, sondern offenbart stattdessen schöpferische Ungewissheit. Der letzte Satz lautet: „Dinge, so unaufdringlich wie nötig und so harmonisch wie möglich, störend vielleicht nur, wenn sie fehlen – schon eine Annäherung an dieses Ziel wäre ein Erfolg.“  

Wer ab und zu Gelegenheit hat, mit den Thoelkes auf Tuchfühlung zu sein (Ehemann Henning wirkt seit jeher hilfreich rational mit in Vielem), ist immer wieder erstaunt, wie das zusammenspielt: Jene grundehrliche Bescheidenheit, ja Unsicherheit Bärbel Thoelkes gegenüber den zu erwartenden Reaktionen auf ihr Werk einerseits und ihr (vielleicht gerade deshalb?) kompromisslos ausgeklügeltes, zugleich innig poetisches Herangehen an von ihr selbst provozierte Grenzüberschreitungen im Umgang mit chemisch-physikalischen Gesetzmäßigkeiten im Allgemeinen und dem gewählten Material (als „divenhaft“ schalt sie es einmal) im Besonderen.

Porzellanmassen, Farbe, Mineralien, Formungsverfahren, die Kunst des Brennens, der (kunst)handwerkliche Umgang mit all dem – es ist ein Verdienst des Buches, dass auch dies alles anhand konkreter Arbeitsprozesse ins Spiel kommt, zumindest angerissen wird. So erhält man ein praktisches Bild davon, wie aus Ideen Objekte werden, nicht „gezaubert“, sondern sehr oft mühevoll experimentell erstritten. Freilich wünschte man sich, der Herausgeber und Hauptautor hätte ähnlich anschaulich dem an die Seite gestellt, was bei aller eingebrachten Rationalität dem Ganzen die Seele, das Imaginäre einhaucht: nämlich das ureigene Wesen der Künstlerin mit seinen Selbstzweifeln samt obsiegender Unverdrossenheit, seinem Erfahrungsreichtum samt Wissbegier, seiner Fröhlichkeit samt trotziger Zielstrebigkeit von Fall zu Fall.

Von der einzigartigen Persönlichkeit Bärbel Thoelkes, von ihrem festen, fragenden und zugleich mitteilsamen Blick, von ihrer Bescheidenheit im Persönlichen wie Unnachgiebigkeit in der Sache, wenn’s darauf ankommt, vermittelt mir der Text-Duktus des Buches zu wenig. Er beharrt überwiegend in einem analytisch-bilanzierenden Stil, unfehlbar sachlich präzise, etwa so, wie ein Entomologe sich einem Schmetterling widmet. Poesie-frei eben. Dazu der Grundton des Erzählens (beziehungsweise Aufzählens) im Perfekt, als Rückschau. Verbindlicher gewesen wäre ein Schildern im Präsens. Denn noch immer ist (nicht war) Bärbel Thoelke ganz bei der Sache.

Auch der beeindruckende großzügige Bildteil zum Œuvre der Porzellangestalterin kann nicht ganz über den mitunter trockenen Ton hinwegtrösten. Die Botschaft der schönen, stimmigen Fotos erschlösse sich noch umfassender, wenn sie auch von Einblicken in das Seelenkostüm der Künstlerin begleitet wäre. Was bei Bärbel Thoelke allerdings zugegebenermaßen leichter gesagt als vollbracht ist. Hier hält sie sich von Natur aus zugeknöpft. Nichts liegt ihr ferner, als sich selbst wichtig zu nehmen. Hätten ein dennoch abgerungenes Interview oder Gespräch, direkt oder indirekt wiedergegeben, dem Buch aber nicht doch gut getan?

Weder in ihren Werken noch in ihrem Wesen ist bei Bärbel Thoelke die geringste Spur von Eitelkeit und Einmaligkeits-Anspruch zu finden. Im Grunde genommen ist sie nämlich über all die Jahrzehnte ihres Studio-Schaffens hinweg einer freundlichen Zuwendung auch zum Seriellen, zum Industriellen und zur Manufaktur nie abhold geworden. Weder konnte noch wollte sie jemals die Spuren verleugnen, die sie aus ihren beruflichen Anfangsjahren als Gestalterin im VEB Porzellanwerk Freiberg hinaus in die Selbstständigkeit gelegt hat. Fast alles, was sie danach in Porzellan schuf, ob filigran oder bodenständiger, trägt mehr oder weniger in sich das Zeug auch zur Vervielfältigung. Dafür sprechen besonders jene realisierten Entwürfe, die sie in den letzten Jahren für Auftraggeber wie die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen, die Berliner KPM, die Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst und die Wiener Porzellanmanufaktur Augarten lieferte.

Auch unter anderem von eben da kommen neben Herausgeber Jakobson in dem großformatigen Buch weitere sechs Partnerinnen und Partner Bärbel Thoelkes mit kurzen Statements zu Wort: aus dem Kolleginnenkreis, Porzellan-Unternehmen, der Aussteller-, Galeristen- und Sammlerszene. Hervorhebenswert ganz am Schluss der umfangreiche Appendix mit Vita, Anerkennungen und Auszeichnungen sowie Ausstellungs- und Veröffentlichungs-Angaben. Zu konstatieren ist am Ende: Solch umfassende Würdigungen von Lebenswerken „angewandter“ Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit wie mit diesem Band sind immer noch Mangelware in Deutschland, leider.                               

Günter Höhne   

(Ab dem 19. Mai 2019 stellt Bärbel Thoelke im Keramion Frechen bei Köln aus.)