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Walter Scheiffele
Karl Mey und Wilhelm Wagenfeld
Industrie- und Designstrategie 1935 bis 1939

Glas und mehr in Buchform

Rezension von Günter Höhne

Glas und mehr in Buchform
Ein Werk über Wilhelm Wagenfeld und den Unternehmer Karl Mey

Seit vielen Jahren forschend und publizierend auf Themenfeldern der Moderne der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts ist soeben ein neues Buch des Berliner Architektur-und Designhistorikers Walter Scheiffele erschienen, dessen besonders aktives Interesse seit Jahren Forschungen zu Wilhelm Wagenfeld sowie zur Chronik Jenaer und Lausitzer Glastraditionen gilt. Jetzt beleuchtet er mit seiner von der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin herausgegebenen Schrift Karl Mey und Wilhelm Wagenfeld ein so tiefgehend bislang noch nicht publiziertes, sehr aufschlussreiches spezielles Kapitel „Industrie- und Designstrategie 1935 bis 1939“, so der Untertitel. Und dies, wie in allen bisherigen Scheiffele- Veröffentlichungen, wissenschaftlich penibel recherchiert und plastisch-eindrucksvoll erzählt.
                  Karl Mey war AEG-, Osram- und Telefunken-Direktor und als visionärer Ausnahme-Industrieller seiner Zeit derjenige, der ganz entscheidend Wagenfelds Karriere nicht nur als Industriedesigner, sondern auch als Design- und Betriebsorganisator beeinflusste und förderte, auch schützte, wenn es nötig und möglich war im Dritten Reich. Mit der Thematik hatte sich der Autor schon vor 15 Jahren einmal befasst, beschränkt allerdings damals allein auf das Zusammenwirken von Wagenfeld und Mey bei den Vereinigten Lausitzer Glaswerken. Dorthin war Mey aber erst von der AEG her gekommen, bei der er ab 1909 Leiter der Berliner Glühlampenfabrik war, die nach 1919 vom Osram-Konzern mitregiert wurde. Und Osram wie bereits vor dem I. Weltkrieg die AEG ließen ihre Glühlampenkolben in der Oberlausitz produzieren, in den Vereinigten Lausitzer Glashüttenwerken und späteren VLG. Die standen Mitte der 1930er Jahre in Karl Meys Funktion als Aufsichtsratsmitglied unter seiner Regie.
                  In dem von Walter Scheiffele vorgelegten Buch kann nun erstmals auch die Rolle Meys zunächst als Direktor bei der AEG wie später auch in seinem Agieren als unternehmerisch-logisch, ethisch und ästhetisch-ambitionierter streitbarer Vorstandsvorsitzender der VLG nachvollzogen werden – und was dies alles letztendlich mit Wagenfelds erfolgreichem Wirken zwischen 1935 und 1939 als angewandter Künstler (zudem vom bei den Nazis verfemten Bauhaus kommend!) zu tun hatte.
                  Ermöglicht wurde diese, wie nun zu erkennen ist, durchaus erforderliche „Nacharbeit“ in Sachen Karl Meys Woher und Wohin und dessen Affinität zum Schaffen Wilhelm Wagenfelds erst durch die Übergabe des Familienarchivs Mey an das Deutsche Technikmuseum Berlin im Jahr 2008. Klar, dass ein Designgeschichtsspürhund wie Scheiffele hier sofort wieder die Fährte aufnahm. Und was er uns nun präsentiert, ist wieder einmal ein Kabinettsstück profunder Sachliteratur und eben nicht purer „Designliteratur“, von der es wahrlich ausreichend gibt, darunter hundertfach Wiederholtes und viel Oberflächliches.
                  Der Autor leistet mit diesem Buch nicht allein einen erhellenden Einblick in Unternehmens- und Produktentwurfsprozesse einer spannenden (und lehrreichen!) Epoche tiefster gesellschaftlicher und industrieller Umbrüche, sondern könnte mit der Lektüre vielleicht sogar dazu beitragen, ein heute in vielen deutschen Firmen noch allzu oft vernachlässigtes Selbstbewusstsein für unternehmerische Designstrategie und permanentes Designmanagement zu schärfen. An hier verbreiteter Wurschtigkeit und Ignoranz scheiternde Designerinnen und Designer wüssten ja darüber zahlreiche Klagelieder anzustimmen. Doch könnte denen mit diesem Buch nun womöglich Hilfe zuteil werden: Denn es ist nicht nur ein kluges, überzeugend, spannend und motivierend erzähltes, sondern überdies ein gut gestaltetes, eine rechte Augenfreude. Eine nützliche und auch noch etwas hermachende Lektüre – so recht geeignet als buchstäblich glänzendes Präsent aus der Hand von Gestalterinnen und Gestaltern für potenzielle, aber noch nicht aufgeschlossene Design-Auftraggeber. Warum nicht etwa zum bevorstehenden Tag der Arbeit am 1. Mai. Die lächerlichen 18 Euro für diese edle, auch noch großartig illustrierte und wie ganz nebenbei obendrein aufklärerische Gabe wären gut angelegt.                                                                                  

Günter Höhne      

Walter Scheiffele: KARL MEY UND WILHELM WAGENFELD. Industrie- und Designstrategie 1935 bis 1939. Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin und form+zweck Verlag, Berlin 2019. ISBN 978-3-935053-92-1; 18,- Euro