buchcover „Die Fläche“. Mustermappen der Moderne. Mit 106 Kurzbiografien, Rezension von Klaus Klemp

Bernhard Denscher zu Mustermappen der Moderne

Rezension von Klaus Klemp zu „Die Fläche“. Mustermappen der Moderne. Mit 106 Kurzbiografien

„Alle, die sich mit der Geschichte des Grafikdesigns oder mit der Wiener Kunst um 1900 beschäftigen, kommen früher oder später zur Publikationsreihe ‚Die Fläche’. Diese gehört gemeinsam mit ‚Ver sacrum’ zu den wesentlichen Publikationsmedien der avantgardistischen Wiener Kunstszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ So der Autor Bernhard Denscher auf seiner Website Austrian Posters ( https://www.austrianposters.at/ ) über seine neue Print-Veröffentlichung zur Wiener Gebrauchsgrafik und dabei zum zweiten Mal zu „Die Fläche“ (vergl. Rezension v. 8. März 2022 und 7. August 2024). Seit 2021 veröffentlicht er zum Thema eine Reihe von Softcoverbüchern im Quartformat im AESCULUS Verlag in Wolkersdorf.

Wien, um 1900 einer der wichtigsten Hotspots der Moderne in Kunst und Wissenschaft, ist dabei durchaus noch nicht ausgeforscht. Es waren eben nicht nur die allseits bekannten Heroen der Zeit, sondern viele andere, darunter bemerkenswert viele Frauen, die lange wenig gewürdigt oder gar nicht wahrgenommen wurden. Es ist ein besonderes Verdienst von Denscher, dass er in all seinen Publikationen die mühevolle Erarbeitung von Lebensläufen auch weniger prominenter Protagonisten unternommen hat. Die Wienbibliothek und das MAK Wien bieten auf ihren Webseiten mittlerweile digitalisierte Reproduktionen der Zeitschrift kostenlos an. Schon die schiere Anzahl der Arbeiten verblüfft.

Der hier zu besprechende neue Band, die Website Austrian Posters und der Autor Bernhard Denscher selbst sind ein herausragendes Beispiel einer privaten Designforschung. Der Wiener Autor, promovierter Historiker und Germanist, seit 1979 Referent in der Plakatsammlung der Stadt Wien, seit 1989 stellvertretender Direktor der Wiener Stadt- und Landesbibliothek (heute Wienbibliothek) und seit 1991 schließlich 25 Jahre lang Leiter der Kulturabteilung der Stadt Wien ist renommierter wissenschaftlicher Autor zum Grafikdesign und insbesondere zum Plakat in Österreich. Seit 1981 ist Denscher Autor oder Herausgeber zahlreicher, zum Teil sehr umfangreicher Publikationen zum Thema.

Die von ihm privat betriebene und finanzierte Website Austrian Posters mit dem Untertitel Beiträge zu Geschichte der visuellen Kommunikation ist ein seltenes Beispiel, das attraktive und gut lesbare, materialreiche Bild- und Textangebote mit wissenschaftlicher Sorgfalt verbindet. In kaum einem Text fehlt ein fundierter Anmerkungsapparat. 2017 erhielt Bernhard Denscher im Museum Folkwang in Essen den „Preis des Deutschen Plakat Museums für Plakatpublizistik“.

Nicht verschwiegen werden darf die Ehefrau Barbara Denscher, ebenfalls promovierte Germanistin und Kulturpublizistin u.a. lange Jahre für den ORF Hörfunk tätig sowie vielfache Herausgeberin und Autorin. Ein ‚private-private-partnership‘ Projekt.

Im Band von 2021, Die Fläche und die Wiener Moderne, hatte Bernhard Denscher bereits eine ausführliche Darstellung der Fläche gegeben, vor allem auch eine erste fundierte Datierung der einzelnen Mappen vom Mai 1902 bis zur letzten, zwölften Ausgabe 1904, die nun noch einmal präzisiert werden konnte. In den Jahren 1910/11 folgten noch einmal zwei sehr viel reduziertere Ausgaben als Die Fläche II, herausgegeben von dem Lehrer für Malerei an der Kunstgewerbeschule Bertold Löffler. Auch wurde eine Liste der zahlreichen beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit Geburts- und Sterbedatum erstellt. Allerdings war das nach der damals zugänglichen Quellenlage nur für 69 der beteiligten 106 Personen vollständig möglich. Nun, im neuen Band konnte Denscher dank weitgehender Digitalisierung biografischer Unterlagen im Netz und fortgesetzter intensiver Recherchen bis auf zwei alle Künstlerinnen und Künstler mit Lebensdaten identifizieren und zu allen Kurzbiografien erstellen.

Die Fläche I wurde vom Direktor der Kunstgewerbeschule Felician von Myrbach zusammen mit weiteren Professoren herausgegeben, die so „ihre Vorstellungen von einem zeitgemäßen Stil der angewandten Grafik, einem ‚Wiener Stil‘“…der „sich bereits weitgehend von der floralen Art nouveau französischer Prägung entfernt“ hat, präsentieren (Denscher). Überwiegend publiziert wurden Arbeiten von Studentinnen und Studenten der Kunstgewerbeschule, aber auch von dort Lehrenden und sonstigen Heroen Wiens.

War die zeitgenössische Rezeption der Hefte kritisch bis kaum vorhanden, so waren sie bei den Darstellungen aus den letzten Jahrzehnten stets ein deutlich präsentes Element. Über deren Bedeutung gab es lange eine Einordnung als Kunstzeitschrift, Denscher schließt sich allerdings nachvollziehbar dem Vorschlag von Werner J. Schweiger an, dass es sich eher um ein ‚Vorlagenwerk‘ und ‚Musterbuch‘ handelt. In der Tat überwiegt der Abbildungsteil deutlich. Ein didaktischer und propagandistischer Moderne-Impetus ist sicher nicht zu übersehen, zumal wenn man die Arbeiten in ihrer starken Abstraktion vor der Folie der noch durchaus ubiquitären realistisch-figürlichen Bildwelten der Zeit und der Alltagsästhetik im Allgemeinen sieht.

Ein mehr als verdienstvoller Teil der neuen Publikation von Bernhard Denscher ist die Erarbeitung der Kurzbiografien zu allen in der Fläche vertretenen Grafikern und Grafikerinnen. Eindeutig ist dabei die Gewichtung der Schulen. 79 studierten an der Kunstgewerbeschule, 6 an der Akademie, 9 an der Akademie und der Kunstgewerbeschule, 10 an der Kunstschule für Frauen und Mädchen, 2 dort und an der Kunstgewerbeschule, einer an der Technischen Universität Wien und einer war Jurist. Die Viten bieten durch die jeweiligen sozialen Hintergründe und durch die Studien- und Berufsverläufe auch einen Einblick in die gesellschaftliche und kulturelle Verfasstheit Wiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus lässt sich der Einfluss der ‚Wiener Schule‘ nach außerhalb nachvollziehen, etwa durch Franz Karl Delavilla, der seit 1913 an der Frankfurter Kunstgewerbeschule unterrichtete, maßgeblich an der Vereinigung mit der Städelschule zur Kunstschule Frankfurt für freie und angewandte Kunst nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt war und zusammen mit Beckmann, Baumeister und Scheibe zu den dortigen Vertretern der Moderne zählte. Auch durch seine avantgardistischen Bühnenbilder für Frankfurter Theater war er ein wichtiger Protagonist im Projekt des „Neuen Frankfurt“.

Eine Außenwirkung fand auch durch weitere Absolventen und Absolventinnen statt. Wenzel Hablik wirkte als Maler und Grafiker in Itzehoe bei Hamburg, Johanna Maria Hollmann bei den Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden, Bruno Seuchter als Grafiker und Schriftgestalter in Paris.  Professuren und Dozenturen an Kunst- oder Kunstgewerbeschulen wurden wahrgenommen von Josef von Divéky in Budapest, Adolf Otto Holub in Essen, Reinhold Klaus und Anton Kling in Hamburg, Tomislav Krizman in Zagreb, Minka Podhajská in Prag, Maria von Uchatius in Innsbruck oder Eduard Wimmer in Chicago.

Zahlreiche später bedeutende Wiener Künstlerinnen und Künstler bekamen in der Fläche ihre erste Publikationsmöglichkeit. Verglichen mit ihren späteren Arbeiten sind diese ‚Frühwerke‘ von besonderem Interesse.

Der sehr empfehlenswerte neue Band von Bernhard Denscher zur Wiener Gebrauchsgrafik bietet auf nur 108 Seiten eine Fülle an sorgsam recherchiertem Material und an überzeugenden Schlussfolgerungen des Autors, die für die Designgeschichte eine deutliche Bereicherung darstellen. Ein so engagiertes Historikerpaar wie Bernhard und Barbara Denscher würde auch der deutschen Designgeschichte guttun, die an unseren Hochschulen immer mehr vernachlässigt wird.

Text: Klaus Klemp

Bernhard Denscher: „Die Fläche“. Mustermappen der Moderne. Mit 106 Kurzbiografien. Aesculus Verlag, Wolkersdorf 2025. 108 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, 22×15,5 cm; Preis: EUR 29; ISBN 978-3-200-10452-5

Bestellmöglichkeit: >> aesculus-verlag.at