Robin Rehm und Christoph Wagner (Hrsg.)
Designpatente der Moderne
1840-1970

Rezension von Bernhard E. Bürdek

Robin Rehm und Christoph Wagner (Hrsg.) Designpatente der Moderne. Berlin: 2019.

Das Verhältnis von Design zur Technik gehört seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu den zentralen Fragen der Disziplin. Die Herausgeber – beide am Institut für Kunstgeschichte der Universität Regensburg tätig – legen mit diesem Buch ein profundes Werk vor, das eine bisher weitgehend vernachlässigte Lücke schließt. Die Herausgeber behandeln eine Thematik, die sowohl technisch geschichtlich als auch design geschichtlich überaus bedeutsam ist. Es gelingt ihnen, Forschungen der Philosophie, der Ästhetik mit der Geschichte des Designs zu verknüpfen. Hinzu kommen Erkenntnisse aus der Material-, Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft sowie des gewerblich en Rechtsschutzes. Dieser ganzheitliche Blick auf die Produkte ist überaus bemerkenswert, gelingt es den Herausgebern, eben keine isolierte Technikgeschichte vorzutragen, sondern durchaus aktuelle Theorien – wie die Latour´sche Akteur-Netzwerk-Theorie, die das soziale Handeln von Personen (Akteure)  beschreibt, einbeziehen. So gesehen befinden sie sich absolut auf der Höhe der Zeit, und diskutieren die Produkte nicht nur in ihren technischen, sondern eben auch sozialen Zusammenhängen. Diese Kontextualisierungen machen die Geschichte der Dinge anschaulich. Sie sind durchaus Zeugnis dafür, dass die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts versucht hatte, Kunst und Leben miteinander zu verknüpfen – heute würde man das als Design bezeichnen. Die Deutsche Post vertrieb in den 1980er Jahren „Telefone mit besonderem Stil und Design“ und befand sich damit absolut auf der Höhe der Zeit. Und von Pierre Bourdieu wissen wir, dass Produkte eben auch die „feinen Unterschiede“ symbolisieren. Telefone zum Preis von 1.000 DM sind dafür ein anschauliches Beispiel, heute sind es eben die Smartphones, die den Status der Benutzer repräsentieren sollen.

In den 1920er Jahren wurden mannigfaltige neue Produkte entwickelt, für die Rechtsschutzmaßnahmen ergriffen wurden, um sich gegen die zunehmend aktiv werdenden Konkurrenten abzusichern. Wilhelm Wagenfeld beispielsweise war Erfinder und Gestalter, der maßgebend das Design der Fa. WMF/Geislingen prägte. Seine akribischen Patenzeichnungen machen dies besonders anschaulich.

Eine besondere Rolle spielte das Bauhaus in Weimar (1919-1925), denn dort sollten sämtliche Arbeiten und insbesondere die Rechte daran dem Bauhaus selbst gehören. Dies führte zum Protest der damaligen Studierenden, denn allein der Bauhausstempel führte zu deren Anonymisierung. Sie wurden zwar für Arbeitsleistungen bezahlt, weitergehende Rechtsansprüche wurden ihnen jedoch verweigert.

In der Dessauer Zeit wurde die Herstellung von Modellen für die industrielle Serienproduktion forciert, so war z.B. die Bauhaus G.m.b.H. verantwortlich für den Alleinverlauf der Bauhaus-Produkte. Walter Gropius beförderte massiv Kooperationen zwischen dem Bauhaus und insbesondere der lokalen Industrie.

Das Buch selbst enthält Patenschriften, kommentiert von überaus kompetenten Autoren wie beispielsweise Stanislaus von Moos, Sebastian Hackenschmidt, Jochen Eisenbrand, Beate Manske, Walter Scheiffele, Sabine Zentek u.a.m. Diese Schriften sind fürwahr eine Fundgrube zum Design des 20. Jahrhunderts, die Autoren beleuchten die Produkte technisch wie gestalterisch und stellen diese in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten dar – beeindruckend und absolut modern.

Insgesamt 50 Patenschriften (von 1841 bis 1940) werden analysiert und kontextualisiert. Dazu gehören Klassiker wie Michael Thonets Brevet, der Aufbruch der Zellulose-Holz im Wandel zum Kunststoff, Edisons „Electric Lamp“, das Harnstoffharz-Patent, das zur Anwendung bei Raidoempfängern oder Bestecken kam, Helene Körtings Liege, Alvar Aaltos „Process of Bending Wood“, diverse Bauhaus-Produkte (wie z.B. Marcel Breuers Stahlrohrmöbel oder sein Klappsessel 1927), die Siège von Parriand, Le Corbusier und Jeanneret, Lorenz und Stams Sitzmöbel aus federndem Werkstoff, der Thonet Mundus-Seitenklappsitz, die Bauhausleuchte von Wilhelm Wagenfeld, die Kandem-Nachtischleuchte Nr. 702, das Dell´sche Stapelgeschirr, Hans (Nick) Roerichts Stapelgeschirr mit Kunststoffring u.v.a.m.

Das Ganze liest sich wie eine neu erzählte Designgeschichte der Gegenstände, die aber – wie erwähnt – treffend und profund kontextualisiert geschildert wird. Eine Fundgrube fürwahr und ein Beispiel dafür, was Forschung im und über Design leisten kann.  

Berlin 2019
Gebr. Mann Verlag Berlin, 480 Seiten
ISBN  9 783786 127222 (€ 69,00)
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Bernhard E. Bürdek